2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
15.09.
Abends ließ ich vom Wald mich in sich locken. Herbstlicht schnitt die Silhouette jedes Blattes an jedem Baum scharfkantig aus. Auf der aus Hitzetagen braun gerösteten Laubschicht glitten helle Flecken umher. Er ließ es leuchten.
Kaum betrat ich den Weg ins Kühle, stiegen aus den Büschen am Wegesrand herbstliche Düfte auf. Vor seidenem Himmel: die Radarstation.
Intensiv ist der Wunsch, hier in einen der Kleingärten einzukehren, sich am taufeuchten Tisch von den Äpfeln zu nehmen. Nach der Umrundung des Ganzen wird von der Zufahrtsstraße, mit der diese Kolonie erschlossen wird, wie es heiẞt, die Krankheit gezeigt, von der ihre Bewohner befallen sind. Schilderitis. An jedem Tor zur sogenannten Parzelle sind laminierte Befehle, Zurechtweisungen, Appelle befestigt. Die Tore selbst freilich vergittert.
Abermals beantwortet sich die Frage von selbst.
Die vom Weg aufgelesenen Zwetschgen munden aromatisch. Eine letzte, die ich mir in meiner Brusttasche für ein Frühstück aufgehoben hatte, wird mir im weiteren Verlauf des Abends im Gedränge um Wolfgang Kubicki zerquetscht.
13.09.
Anfang 91 flirtet Rühmkorf mit der Idee eines sogenannten Zeitromans, in den der Rohstoff aus zwanzig Jahren Tagebuchschreiben sich wandeln möge.
In jenen Tagen nimmt er klarer als sonst seine Chronistentätigkeit wahr. Beinahe akribisch schon auf einer Party im Haus von Fritz H. Raddatz, wo er sich auf THC im Badezimmer einschließt, um die Fabrikate sämtlicher Kosmetikprodukte zu notieren. Als er auf dringlicher werdende Klopfzeichen hin endlich die Türe entriegelt, findet er das Büffet abgefrühstückt vor. Da er mittlerweile unter Munchies leidet…
Der Zeitroman entsteht also durchaus, aber er tritt lediglich in Fragmenten auf.
Abends erzählte mir ein Äthiopier, der 2020 zuletzt selbst vor Ort gewesen war, dass sich Addis Abeba wohl auf erstaunlichste Weise verändern haben muss. Waren es zu meiner Zeit, noch die Chinesen, die dort als kulturell bestimmende Kraft aufgetreten waren, sind es wohl heute die Saudis. Mein Gewährsmann meinte, es sähe dort inzwischen aus „wie in Dubai.“
Was ich nun wirklich schwer vorstellbar finde.
12.09.
Auf Anraten von Sebastian habe ich mich abermals und dieses Mal intensiv mit dem Tagebuch Tabu I von Peter Rühmkorf aus 1989/90/91 befasst. Vom Deutschhistorischen abgesehen, beschäftigt er sich vor allem ab Ende 1990 mit der interessanten Frage, ob er seine Tagebücher wie geplant posthum nach einer Sperrfrist, die auch vom Todeszeitpunkt der Ehefrau mitbestimmt würde, veröffentlichen lassen soll. Oder doch schon zu Lebzeiten, also im Jetzt der Erzählzeit.
Da er sich deshalb viel mit Tagebüchern Anderer beschäftigt, ergibt sich der angeneheme Effekt in einem Tagebuch zu lesen, in dem einer Tagebücher liest.
Ich nehme an, er hätte online geschrieben. Hat er leider nicht mehr erlebt.
11.09.
Letzter Tag der Freibadsaison. Unter dem Birnbaum, der es diesen langen Sommer über gut mit mir gemeint hatte, flattern Schmetterlinge dicht an dicht über dem fauligen Haufen der Früchte im Gras. Immer wieder erstaunlich, wenn man ein Tier bei seinem Alltagsgeschäft erlebt. Wie losgelöst von seinem Bild im Lexikon und geradezu: zweckentfremdet.
Beim Verlassen des Bades, in der menschenleeren Sicherheitszone des Ausgangsbereichs, ertönt ein über sämtliche dort angebrachte Lautsprecher verstärktes Tschüss! Aus seinem Container winkt mir der Kassierer zu und wünscht mir durch das Mikrofon einen Guten Rutsch und auch noch Frohe Ostern.
Ja, sage ich. Obwohl er das wohl nicht hören kann. Bis bald.
10.09.
Die Nahaufnahme zeigt eine Stechmücke, die sich in einer Armbeuge niedergelassen hat. Sie senkt ihre Trinkröhre auf die Hautoberfläche ab, doch die scheint ungewöhnlich dicht. Die Röhre biegt sich, dringt nicht ein wie so sonst.
Zwei weitere Versuche unternimmt das Insekt. Bei jedem Mal das selbe Bild. Biegsame Röhre. Haut bleibt unversehrt. Kein Blut.
Der Film zeigt jetzt, wie die Stechmücke ihre beiden Vorderbeine dazu benutzt, die Röhre abzutasten. Es wirkt, als suche es dort den Fehler, die schadhafte Stelle, derentwegen die Routine scheitern musste.
Das Betasten der Röhre, die selbst in der Nahaufnahme identisch wirkt mit den Beinen des Insekts, wirkt aber zugleicu als Geste des Zweifelns.
Keinerlei Regung im Insektengesicht.