2025: GOSSIP GIRL
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
06.11.
Abends im Haus Für Poesie in Prenzlauer Berg: Peter Waterhouse setzt sich, betont grußlos, hinter das Mikrofon, blättert das Buch auf, schenkt sich selbst vom Stillen Wasser ein, beginnt zu lesen. Die Sprache ist zunächst Englisch, mit deutlichem Akzent, verändert sich dann ins Deutsche, gerade so, als habe er dafür einen Regler in sich, an dem er drehte.
Der Zuschauerraum ist voll besetzt. Vorwiegend sind es Männer aus der Altersgruppe des Vortragenden, die gekommen sind, um ihn zu hören. Auf eine irritierende Weise sehen sich viele von ihnen auch ähnlich. Hochgewachsene, hagere, kempowskiëske Gestalten mit Cäsarenfrisuren. Zwei davon könnten glatt Zwillinge sein. Beim Zuhören hält der eine von ihnen die Augen geschlossen, als ob er schliefe — ein Phänomen, das mir vor allem bei Zuhörerinnen im LCB aufgefallen war, bislang — und versucht währenddessen den Verschlusszapfen seiner Thermosflasche aufzuschrauben. Geräuschlos geht das nicht. Jeder Versuch einer Umdrehung sondert ein Quietschen ab. Sein Bruder schürzt seine Oberlippe, als müsste er bald in etwas Widerwärtiges beißen.
Der Mann neben mir, er gehört zur zweiten Kategorie, zu den nicht Kempowskiësken, auch Jüngeren vielleicht, verschickt weiterhin Nachrichten an eine Empfängerin namens Sigrid Schulz. Ich frage mich, wo all diese Männer leben, die ich noch nie zuvor beobachten durfte, im Stadtbild.
Botho Strauß hat in einem Interview zum Misserfolg (aus seiner Sicht) des Partikulars festgestellt, dass jeder Autor „auf Dauer“ nur diese Leser erreichen könnte, die so seien wie er selbst.
Im an seine Lesung anschließenden Gespräch gibt Peter Waterhouse viele Einblicke in seine Arbeitsweise, die ihm im Nachhinein vor allem als eine des Wartens vorkommen will. Beinahe erscheint sie ihm als Faulheit. Das Buch ist ja sehr dick geworden und „schon bei Seite 1000 ungefähr“ sei ihm klar geworden, dass er nun nicht in den Prozess des Wartens intervenieren dürfte, „sonst verdirbst du es noch“.
Grundsätzlich wäre also ein heiteres Gespräch und auf Grundlage dessen auch ein heiterer Abend möglich gewesen. Abermals wurde mir die Bedeutung des Gesprächspartners vor Augen geführt.
Draußen, Danziger Straße, Ecke Eberswalder herrschte freilich das pralle Leben.
04.11.
Das übergeordnete Thema soll Falsche Freunde sein. Das überwölbende, die Schrift schützende, somit Vertrauen.
Freund war, der sich als IM herausgestellt hat. Freund ist, auf Wiedervorlage: zunächst jeder?
In einer Fragerunde nach dem Beschicken der Öfen fragte ich den Fischer, ob er seine Leute auch zu Experimenten mit Gewürzen anregt. Oder mit anderen Fischsorten? Es würde ihm doch nicht entgangen sein, wohin sich der Markt professioneller Abnehmer in Berlin bewegt — Stichwort Markthalle IX Punktpunktpunkt.
Seine Antwort blieb bei den Leisten. Unvorsichtigerweise warf ich „Da seid Ihr wohl nicht Fischersleut‘ genug“ ein—und meinte damit auf Menschen-, beziehungsweise Kundenfischer angespielt zu haben.
„Was heißt denn da nicht Fischersleut‘ genug!“ kam als Antwort. Das Kräuseln der Rauchsäulen aus den Ritzen der Schränke wurde laut. Ich versuchte, meinen misslungenen Scherzversuch aufzuklären. Sofort fanden qir zur alten Heiterkeit im Umgang miteinander zurück, die, so erkannte ich es nicht erst jetzt, Maskerade war.
Hier sind die Brandeburger, vermutlich nicht bloß sie, den Schweizern ähnlich. Man traut den Fremdlingen im Innersten nicht über den Weg. Freundschaft nur mit seinesgleichen. Eine Art Rassismus des Herzens. Der Kunde bleibt freilich König. So lange er sich benimmt.
03.11.
Erkundungsfahrt in das Hinterland von Fangschleuse. Herbstlicht, das Laub gefärbt in Birnentönen. Die Straßen sind leer. Auch in den Ortschaften lässt sich niemand blicken. Das klassische Dorf in Brandenburg besteht aus Häusern, die entlang der Straße gebaut wurden. Vorgärten sind dort nicht üblich. Jedem sein Reduit.
Ich hatte die seltsame Landschaft schon einmal besucht, damals war ich noch laienhaft davon ausgegegangen, dass die Fischräucherei ihre Fische auch irgendwoher aus diesen moorhaften Weiten bezieht. Nun erfahre ich, die Fischgründe der Familie liegen anderswo. Und die Kate, das erfahre ich beinahe nebenbei, während es aus den Ritzen des Räucherschranks schon malerisch kräuselt und duftet, war in der anderen Zeit ein Aussenposten der Staatssicherheit.
Die sogenannte StaSi hat sich jetzt zu meinem Interessensgebiet entwickelt. Wann immer das Kürzel erwähnt wird, wann es fällt, horche ich auf. Witternd. Hypernervös.
Ich bin gespannt, ob ich im weiteren Verlauf der Zeit bis Juni mich noch in einen Zustand hineintreiben werde können, dass ich meine selbst hergestellte Omnipräsenz der Staatssicherheit fürchten werde, wie einst, zu jener unwiderbringlich ohne mich vergangenen Zeit.p>
So lange lesen, bis man die Leute sprechen hört (George Malcolm Young)
31.10.
Am vergangenen Wochenende habe ich eine Veranstaltung besucht, von der ich mir zunächst beinahe gar nichts versprochen hatte, aber: siehe da.
Scheinbar irgendwoher hatte ich die Information erhalten, dass sich in einem mir bis dato unbekannten Waldstück die von Forst und Försterei Begeisterten träfen. Als ich dort angelangt war, fühlte ich mich beinahe überwältigt von deren Zahl. Aber auf angenehme Weise. Dito vom ausladenden Angebot der Ausstellenden.
Unter Jagenden gibt es einen seltsam altertümlich wirkenden Zusammenhalt. Ein Einvernehmen. Eine noch andere Weise jenes ominösen Zusammenhalts, der von den Ostdeutschen ostentativ vermisst wird.
Dort im Wald sah ich einen Jungen, vielleicht sechs Jahre alt, der ging mit einem auf seinem Unterarm sitzenden Käuzchen umher, das er ab und an auf den Kopf küsste. Auf die Stelle zwischen den bepinselten Ohren. Wo es flaumig ist, schwitzig, warm.
Zu jeder halben Stunde versammelte sich eine Gruppe älterer Männer, die sich in diesen klassischen Lodenton gekleidet hatten, und bliesen in ihre Hörner. Es gab ein Motorsägenwettsägen, Falkner hatten ihre Vögel auf Baumstümpfen postiert und es gab selbstverständlich auch jede Menge Freaks.
Und kistenweise Bücher aus den Nachlässen verblichener Jäger. Unter anderem zig Jahrgänge von Wild und Hund seit 1939 in Leinen gebunden. Veritable Schinken (in diesem bestimmten Grün).
Sogar die Sammlungen an Tabakspfeifen von denen, die sie sich nicht mehr anstecken würden, gab es „zu verschenken“. Reich beschenkt kehrte ich in meine städtische Welt zurück. Die lag auch nur eine dreiviertel Stunde entfernt.
In der darauffolgenden Woche erhielt ich abermals einen Gottesbeweis.