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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

02.09.

In dem von mir häufig besuchten Supermarkt geht es oft gnadenlos zur Sache. Er verspricht im Grunde nicht mehr als die anderen, aber für die Kundschaft dort dürfte er vor allem günstig gelegen sein. Obwohl viele von ihnen mit dem Auto vorfahren. Aber vielleicht sparen sie am Benzin?

Wie ein schimmernder Kiesel, als Findling ragt aus diesem Tosen der existenziellen Bemühung eine Kassiererin heraus. Gleich wie turbulent es am anderen Ufer des Warenstroms es auch zugehen mag, sie bemüht sich um ihre Worte. Sie achtet darauf, dass es gerecht zugeht, obwohl sie immer wieder auch harte Entscheidungen treffen muss (im Namen der Supermarktkette).

Anderntags gab sie jedem Kunden eine kleine Rose mit auf den Heimweg. Die Blütenstängel fischte sie dafür aus einem schwarzen Eimer, in dem sie Blumen gesammelt hatte, die sich nicht verkauft hatten.

Mir überreichte sie eine rote. Vor allen anderen in der Schlange vor Mittag machte sie mir dazu ein Kompliment. So fangen Filme an.

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31.08.

Danach dann freilich Instagram. Für ihr Posting hatte sich die Mutter wiederum von einem aus der Autorschaft von Kim Kardashian inspirieren lassen. Wie ich von meinem Platz aus beobachten konnte, hielt sie das Ursprungsposting in der Webansicht im Hintergrund geöffnet und übersetzte die Worte Kardashians für das Eintippen in das Fenster ihres eigenen Accounts ins Deutsche. Eigentlich eine monastische Praxis.

Auch den Text des Postings konnte ich problemlos entziffern. Es ging um Mutterschaft und Liebe, die aus Verbundenheit entsteht. Die Buchstaben, aus denen die deutsche Version von Kardashians Text zusammengesetzt war, erschienen jetzt quer über ein Selfie der Mutter platziert. Bislang hatte ich sie ja lediglich von schräg hinten gesehen. Nun zeigte mir der Bildschirm ihr Gesicht.

Und bald nicht nur mir. Aber den anderen außer mir würden halt andere Informationen vorenthalten, die nur mir zuteil geworden waren. Aber wie sagte doch Professor Bartels in Hamburg dereinst so gern: Die Frau tritt in Fragmenten auf.

Es sind solche Kleinigkeiten, die mir die Menschen wieder näher bringen können. Näher zumindest, als wenn ich von ihnen bloß noch erfahre, wen sie wählen und warum.

Postings allein reichen mir aber auch nicht.

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30.08.

Im Zug sitzt eine Frau mit ihrer Tochter schräg vor mir, so, dass ich alles gut beobachten kann, was in ihrer Nische vor sich geht. Kaum, dass wir Stuttgart hinter uns gelassen haben (eine drohende Evakuierung wegen eines nicht zuordenbaren Gepäckstücks machte die Minuten bis zur ohnehin verspäteten Abfahrt des ICE besonders würzig), wird dort eine Puppe ausgepackt aus einem opulent verzierten Behältnis.

Alles was Augen hat lebt, irgendwie. Beziehungsweise kann es von uns belebt werden. Ich freue mich low key, dass Kinder noch immer mit Puppen spielen wollen. Diese hier entsteigt ihrem Behältnis wie einer eigenen Welt.

Und es gibt auch auf der Symbolebene einiges zu entpacken. Die Puppe, die vor allem durch länger als hüftlanges Seidenhaar in blonder Farbe beeindrucken kann, stammt von der Marke Baby Born, die bei meinem letzten Kontakt mit deren Produkten noch auf beinahe lebensecht geformte Säuglinge spezialisiert war.

In den seither vergangenen 25 Jahren hat auch dort sich etwas getan. Die heutige Puppe entstammt der Unterlinie „Glam Up“. Das bis über die Hüfte herab reichende Seidenhaar kann in alle möglichen Frisuren gekämmt und frisiert werden. Gewissermaßen voreingestellt ist im Stirnbereich der sogenannte Problempony, der zuvor noch als Ketaminpony in Mode war.

Aber auch die vom Haar umspülte Hüfte der Puppe bietet Neues: Die Beine können abgenommen werden, dann ist das in der Genitalregion verankerte Modul bereit, einen bodentiefen Fischschwanz zu befestigen, mit dem die Blonde zu einer Meerjungfrau umgestylt wird.

Dem Mädchen, das sehr schön artikuliert mit ihrer Mutter spricht, ist diese Nixentransformation lieb. Sie spricht es noch mehrfach wie traumverloren vor sich hin: „Meine Meerjungfrau…“, während sie sich schon den Lerninhalten auf ihrem Tablet zugewendet hat, das in einem himbeerfarbenen Wulst aus Gummi steckt. Die Mutter las derweil im Kundenmagazin einer Drogeriemarktkette den Zweiseiter über „Feenhaar“.

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23.08.

Gestern rief ich, was mir nicht häufig passiert, in der Taxizentrale an. Zu meiner Überraschung hatte sich dort das automatische Vermittlungssystem verändert. Die Stimme kam noch immer aus dem Speicher, aber sie klang irgendwie besser gelaunt. Außerdem, das teilte sie mir schon bei der konservierten Begrüßung mit, würde mein Anruf jetzt mit Künstlicher Intelligenz (KI) bearbeitet.

Im Verlauf des folgenden Gesprächs, streng genommen meines Monologs vor dem Ohr der Maschine, konnte ich keine wesentliche Veränderung in der Verarbeitungsqualität meiner Informationen feststellen. Der Anruf dauerte auch in etwa so lange wie bei allen anderen Malen zuvor auch.

Aber immer, wenn ich etwas sagte, also beispielsweise den Straßennamen, wo mich das Taxi abholen sollte, spielte der Speicher das Emsigkeit signalisierende Geräusch auf den Tasten einer Tastatur klimpernder Frauenfingerspitzen ab.

Das war also, in Analogie zu den Bildzeichen Emoji, ein Klangzeichen. Es verbildlichte mir, dem Zuhörer, ein Denken der Maschine. Das freilich nicht stattfand in Wirklichkeit, denn Maschinen denken nicht. Auch die Künstliche Intelligenz ist ja nur eine Art Eselsbrücke, um einen in Wirklichkeit unfasslichen Vorgang irgendwie mit menschlichen Begriffen fasslich erscheinen zu lassen.

Das taxi kam natürlich so wie auch früher anders so. In Thailand halten sich die Thais einen ausgestreckten Zeigefinger vor die Stirn, um ihrem Gesprächspartner zu signalisieren, dass sie jetzt gerade nachdenken und nicht einfach nur so schweigen.

Ich würde gern einen Thailänder befragen, wie es sich derzeit mit den Anrufverwaltungssystemen mit KI in Thailand verhält. Welche Klangzeichen sie dort abspielen, um das Denken der Maschine darzustellen.

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20.08.

Das mag der langsamste August meines Lebens sein, aber er hat auch das schönste Licht, das fabelhaft zu groben Wollstoffen in gedeckten Farben passt. Wunder darauf bewirkt. Vor allem auf karierten.

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