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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

21.02.

Gestern begegnete ich einem Gemälde und, was selten geschieht, ich wollte es unbedingt in meinen Besitz bringen. Ich hatte das Gefühl, dass mir dieses Bild längst gehörte. Dass es mir zugeeignet war.

Und das, noch bevor ich seinen Namen kannte. Es heißt „Die Erfindung der Freizeit“. Als mir die Verkaufsberaterin der Galerie diesen Titel genannt hatte, glomm die Aura der Leinwand noch einmal um mehr auf. Erst recht noch, als Frau Affentranger mit einer entschiedenen Geste einen Vorhang beiseite schob, der bislang ein Fenster zur Straße verhängt hatte. Dieses Fenster hatte sich die Künstlerin zum Vorbild genommen, es lässt sich in ihrem Erfindung der Freizeit recht eindeutig wiederfinden.

So gesehen erkannte ich jetzt auch das quadratische Raster des Holzfußbodens in dem Raum der Galerie, in dem das Bild ausgestellt war, wieder. Auch er war dort in verkleinertem Maßstab gemalt geworden und bedeckte den Grund des Zimmers, in dem die eigenartige elastische Figur in Baststrumpfhosen in ihrem Freizeitsitzmöbel reclinte.

Das dies allem, letztlich sogar dem Raum, in dem sich das alles abspielte, zugrundeliegende Gemälde von Pieter de Hooch heißt „Die Mutter“. In einem sehr ähnlichen Raum, bloß spiegelverkehrt eingerichtet und mit gefliestem Boden, wurde sie im Spannungsfeld zwischen Bett, Kind, Hund und Nähkorb dargestellt.

Die Erfindung hat eine subkutane Botschaft, sie fällt aber nicht ins Gewicht. Das Bild ist eine veritable Augenweide, an der ich mich nie würde sattsehen können. Leider war es schon verkauft.

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20.04.

Auf dem Formular dieser Website ist das Datum seit jeher mit dem 20.02. voreingestellt. Heute brauchte ich daran lediglich eine Ziffer zu ändern.

In der Zeitung erscheint seit längerem mal wieder ein Text von Konrad, der mich mitnimmt: „Ausharren in der Todeszone“. Er schreibt — nein, nicht schwelgerisch, auch nicht schwach, von eben jener Todeszone, einem Man Made Death Valley jenseits der Temperaturen zwischen Ukraine und Russland, über dem die Drohnen regieren.

Menschen, also Soldaten in dem Fall, haben dort nichts mehr zu melden, vor allem kaum noch etwas zu tun. Der Text stellt die Frage, wozu menschliche Soldaten in einem menschlichen Konflikt noch beitragen können. Wie Konrad es beschreibt sind sie lediglich Platzhalter, Bauern, weil Drohnen bei Nebel keine optischen Daten erfassen können.

So, wie er es beschreibt, ist der Mensch dort, in dieser Todeszone, zu einem Füllmaterial eines Krieges geworden, der auf der Zweiten Ebene von Drohnen ausgeführt wird, die dort surrenderweise einen Gebietsanspruch durchsetzen.

Ein Morgen, in dem sämtliche Grenzen, sogar zwischenmenschliche, von autonom agierenden Automaten überwacht werden, denen Menschen lediglich noch zuarbeiten, scheint mir jetzt greifbar.

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15.04.

Schönhauser Allee 182e: Hier traf es mich mit voller Wucht. Gestern, gegen 16 Uhr am Nachmittag. Die genaue Uhrzeit habe ich versäumt, mir einzuprägen — war mit der Hausnummer beschäftigt.

Es war ein Duft. Auf Höhe 182e roch es nach Bretagne. Nach einem Ort meiner Kindheit. Einem versunkenen Zentrum der Erinnerungsmagie.

Schnüffelnd hielt ich zunächst einen mir versperrten Hof hinter eisernen Toren für die Quelle für diesen Wohlgeruch — nahmen den andere auch wahr? Doch dort befand sich lediglich der Spielplatz einer Kirchengemeinde.

Besagten Duft sandte ein Balken aus, Bestandteil einer ehemaligen Bank an einem zierlichen Gewächs der Stadtraumbegrünung. Beide mit eher negativer Zukunftsperspektive beschert.

So stammte der mit meiner Kindheit verknüpfte Duft der Bretagne dort eher nicht von den Austerschalen, der Feuchtigkeit im beige-grau vibrierenden Sand oder dem Schwärzeln der Bunker, die darin schief eingesunken zugleich daraus emporwuchsen wie Pilzkappen.

Dieser spezielle Duft, den ich bislang also falsch einsortiert hatte (oder abgeheftet), entströmte demnach den faulenden Hölzern, schwarz glänzenden Balken, wie jenem der gewesenen Bank 182e, die es dort in der Bretagne ja ebenfalls in ähnlicher Form oder Verfassung gegeben hatte. Bloß waren sie mir damals weniger ortstypisch oder überhaupt auffällig erschienen.

Holz gab es ja schließlich überall.

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14.04.

Am Morgen nach der beinahe historisch gewordenen Nacht, die wir alle unter der Drohung verbringen sollten, es würde eine gesamte Zivilisation vernichtet werden, ging ich zum Arzt, um mir Abhilfe zu verschaffen bei meiner Atemwegserkrankung.

Wie kennen uns gut, freilich beziehungsweise, also sie eher mich. Und in forensischer Analyse kamen wir dann rasch darauf, dass den Beschwerden, die ich für die Folge einer Infektion gehalten hatte, Systemisches zugrunde lag: schon einmal war ich mit vergleichbaren Symptomen vorstellig geworden. Das war vor drei Jahren, als in dem Winter meine Atembeschwerden derart eskaliert waren, dass ich zeitweilig annahm, ich drohte zu ersticken.

In diesem Jahr war es nicht ganz so bedrohlich. Dies aber wahrscheinlich nur aus dem Grund, dass ich stossweise ein mir damals verschriebenes Aerosol inhaliert hatte. Und damals wie heute waren die Katzen bei uns zu Gast.

Wie der verborgene Brief wären die Katzen mir niemals auch nur im Traume eingefallen. Ich bin mit Katzen aufgewachsen. Habe ab und an mit Katzen zusammen gelebt. Aber halt nicht mit diesen beiden. Wie könnte es, bei diesen höchst individuellen Tierperönlichkeiten auch anders sein, als dass man auf einzelne Exemplare allergisch reagiert?

Ein weiterer Grund, noch einer von vielen, um Katzen zu lieben. Auch wenn sie mich beinahe umbrächten (ohne mit den nichtexistenten Wimpern zu zucken).

Es gibt eine Desensibilisierungstherapie. Die Möglichkeit hatte Proust nicht. Bei dem kam der Widerstand von innen.

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12.04.

Ein Zusammenleben mit den Katzen mündet für mich immer wieder wie zum ersten Mal in ein Bewundern ihrer Eleganz. Ihrer Geräuschlosigkeit, der Geschmeidigkeit, kurz: einer Anmut, die die Katzenhaftigkeit seit jeher definiert; seit Menschen an Katzen denken. Seit einer neunmal lebenslangen Zeit also mindestens. Seitdem der Tschad noch See war, auf jeden Fall.

Im Spiel mit der Katze nehme ich vielleicht ein kurzes Stück Lederband, das sich zwirbeln lässt, woraufhin es sich in unvorhersehbaren, kreatürlich wirkenden Zuckungen über den Teppich fortbewegt. Es dauert eine ganze Weile, bis die Katze ihren Willing Suspense of Disbelief aktiviert. Dann übernimmt der Instinkt.

Gerät meine Hand im weiteren Verlauf unseres Spiels in ihre Reuse aus Pfoten und Kiefern, sind es zwanzig Krallen, die für Katzen die Funktion von Fingern besitzen, die klingenscharf nach mir greifen, um unter meiner Haut Halt zu finden. Vier Pfoten und zwanzig Klingen, um etwas zwischen ihre mit nadelartigen Reißzähnen besteckten Kiefer zu zerren.

Mich rettet allein unser Größenunterschied.

Das selbe Tier, das ich eben noch für seine Anmut bewundert habe, kann jederzeit in eine pulsierende, um sich schlagende Mördergrube eskalieren. Wenig später liegen wir beieinander und halten gemeinsam Mittagsschlaf.

Früher im Leben hatte ich eine Faszination für Schusswaffen. Für die Schwere des Metalls, seinen blauschwarzen Schimmer.

Mit den Katzen verhält es sich ähnlich, fürchte ich.

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