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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

21.01.

Irgendwo im Teenager schreibt Frank Witzel, dass er es bedauerlich findet oder belastend, dass alles immer auf etwas hinauszulaufen hätte. Als ich selbst noch Teenager war, habe ich ein Jahr lang anstelle des Religionsunterrichts den damals brandneuen Ethikunterricht belegt. Bestimmt hatte mich damals das Neue interessiert aber auch, wie eine andere Perspektive auf das Thema Glauben und Übersinnliches ausschauen würde. Von diesem Jahr im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem die Ausführung des Lehrers zum Thema Denken im weltweiten Kontext. Die Europäer, sagte er, denken linear. Alles läuft ihnen dabei auf etwas hinaus, wohingegen die Asiaten in konzentrischen Kreisen denken. Also um einen gedachten Stein herum, der, in den Pool des Ungedachten geplumpst, ihnen als ein Denkanlass dient.

In diesem Sinne besuchte ich anderntags um 18 Uhr eine Meditation in einem der Tempel in der Nachbarschaft. Der Innenraum des Tempels, von dem ich bislang aus respektvollem Abstand den golden schimmernden Buddha betrachtet hatte, war mit Neonlicht ausgeleuchtet. Um den großen Buddha herum waren, stufenweise angeordnet, noch weitere, kleinere Figuren, die Buddha darstellten, platziert. Ein Altar fehlte. Direkt vor der Buddhastellage nahmen die Mönche ihre Plätze ein. Es waren insgesamt zwölf: 9 Novizen und drei Ältere. Die Novizen hatten sich in Dreierreihen angeordnet, die älteren zu einem Dreieck, dessen Spitze zum Buddha wies. Der an der Spitze hatte auch ein Mikrofon vor sich, das auf einem niedrigen Stativ montiert war. Die gesamte Zeremonie fand mit unterschlagenen Beinen, die Zehenspitzen von Buddha weg weisend, auf dem Boden statt.

Es gab keinerlei Musik oder sonst ein Signal des Anfangens. Das Eintreffen am Tempel, Versammeln, Niedersetzen, Ausrichten ging „irgendwann“ über in den Gesang des älteren Mönches an der Spitze. Von den anderen unbegleitet trug er sein Rezitativ alleine vor, ungefähr sechs Minuten lang. Das Kabel von Mikrofon zur Verstärkeranlage hatte offenbar eine Wackelkontakt. Der bratzende Knall unterbrach seinen monotonen Gesang oft auf das Unschönste, aber zu schien es nicht

Während des Rezitativs hielt einer der jungen Mönche, vermutlich 13 Jahre alt, eine Schale freischwebend vor sich, in der Kerzen brannten. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie lange diesem Jungen die sechs Minuten des Gesanges wurden. Als ich in seinem Alter war ungefähr, habe ich beispielsweise während der Matthäuspassion in unserer Dorfkirche auch im Textblatt geschaut, wie lange es sich noch hinziehen dürfte. Und immer hatte ich mich aufgrund der vermeintlich kurzen Rezitative, die oft bloss aus einem Satz bestanden, vermeintlicherweise, auf das Empfindlichste täuschen lassen.

Nach diesem Rezitativ wurden die übrigen Mantras von allen Mönchen gemeinsam gesungen. Der Ältere an der Spitze stimmte die Themen an, die übrigen folgten ihm daraufhin in das Dröhnen des Wortwindes, der mich vom Klang her an die Melodien aus einem Didgeridoo erinnerte. Nach 30 Minuten gab es eine extrem lange Zeit des gemeinsamen Schweigens. Vielleicht kam sie mir auch nur deshalb so lang vor, weil meine Beine mittlerweile zu schmerzen begonnen hatten.

In dieser Meditation, bei der ich mich aus dem Schmerz in den Blick des Buddhas zu stehlen versuchte, ging mir auf, dass diese berühmte Pose des Buddhas auf seinen unterschlagenen Beinen ruhend womöglich gar keine der Selbstzufriedenheit oder Gemütlichkeit ist, sondern höchster Ausdruck seiner übermenschlichen Disziplin. Also Selbstzucht, Überwindung,Körperbeherrschung.

Am nächsten Tag brachen wir in einem Bus zum Goldenen Dreieck auf und bezahlten einen Fischer in Chiang Ræng , damit er uns bei Tagesanbruch in seinem bunten Speedboat zu jener Stelle im Dreiländereck brächte. Auf der laotischen Seite errichten die Chinesen dort eine neue Stadt, die komplett dem Glücksspiel geweiht werden wird. Das Kasino ist schon fertig, es hat die Form einer zwölfstöckigrn Lotusknospe. Die Spielenden werden in noch höheren Hochhäusern untergebracht werden, von denen erst die Gerippe stehen, aber wenn alles fertig ist, also bald, sehr bald, wird auch diese Stadt haargenau so aussehe wie Wuhan oder Guangzhou, bloss halt am Ufer des Flusses Kong.

Aber der Buddha am Goldenen Dreieck, der hier übrigens in einem mit Blüten geschmückten Boot fahrend dargestellt ist, golden schimmernd und auf unterschlagenen Beinen lagernd wie eh und je, kann mit dem Speedboot umrundet werden. Und wenn man dann schon beinahe auf den chinesischen Sektor des Flusses eingebogen ist, schaut man ihn von hinten.

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18.01.

Hinter dem Rimping-Supermarkt hat es einen weitflächigen Laden für gebrauchte Kleidung. Vieles davon ist noch kaum fünf Jahre alt, wird aber dennoch als Vintage angepriesen.

Das Erscheinungsjahr von Kleidungsstücken scheint unwichtig zu werden. Sekundär allenfalls der Hersteller, es sind die üblichen; kaum etwas davon scheint besonders, ein durchschnittlicher Flugzeugabsturz dürfte in etwa diese Zusammenstellung von Sports-, Leisure- und anderer Casualwear ergeben.

Ihre Aufwertung haben diese Kleidungsstücke vor allem durch den oder die ersten Träger erfahren. Von Besitzern sollte man nicht mehr sprechen. Die Kleidung durchläuft mit jedem ihrer Träger einen Zyklus auratischer Aufladung—sie wurde ausgesucht, erwählt, bezahlt, getragen, erhalten und dann entweder verloren, verschenkt, gespendet oder weiterverkauft.

Ein jeder dieser kleinen Akte lädt das Kleidungsstück vermittels einer minimalen Bestätigung seiner Sinnhaftigkeit auf mit einer Verlängerung eines Daseinsgrundes zum Fortbestand.

Ich sehe das Zwicken der Schaffnerszange silbrig aufblitzen. Im Supermarkt wird eine Steige Eier mit einem Maskottchen beworben, das selbst eiförmig ist und dessen Haut einen bräunlichen Schalenton hat. Es ist bekleidet mit unterhosenförmigen Shorts, die entweder mit der appetitlichen Maserung roher Lachsfilets bedruckt sein sollen oder aus ihnen selbst bestehend. Darüber denke ich seit gestern nach.

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15.01.

In der letzten Folge von Kulinarischer Klassenkampf erklärte ein Juror das vorrangige Kriterium der Entscheidungen: „Wir sind hier auf der Suche nach einem verbindenden Element, das ein Gericht zusammenzubinden schafft.“ In der Gesellschaft, die meines Wissens nach nicht mit einer Speise verglichen wird, besteht dieses Element, das hier alles zusammenhält in einer andauernden Rücksichtnahme aus Respekt vor den anderen, die den großen Fluss, ein Fließen in Gemeinsamkeit aber nicht etwa staut, sondern tatsächlich erst ermöglicht.

Am augenfälligsten, spürbarsten auch, im Straßenverkehr, der zwar Verkehrszeichen kennt und auch Ampeln und Zebrastreifen et cetera aber all dies auch wiederum nicht benötigt, weil dort zu jeder Zeit und in jeder Verkehrslage stets so gefahren wird, dass ein Fussgänger ohne weiteres eine vierspurige Hauptverkehrsader zur Rush Hour überqueren kann, ohne sich oder irgendetwas befürchten zu müssen.

Er wird von den anderen Verkehrsteilnehmern, gleich ob im Muldenkipper oder auf einem hochaufgetürmt beladenen Moped unterwegs, geschmeidig umflossen, als ob er ein Kiesel wäre. Oder Treibholz.

Derzeit wurden in Wat Song die Trottoirs, bislang seit Jahrzenten schon mit rötlichen Zementplatten gepflastert, abgerissen und durch eine aus Beton glatt gegossene Alternative ersetzt. Dieser Komplettabriss der Fussgängerwege in einem stark vom Individual- wie Lieferverkehr befahrenen Viertel fand ohne Straßensperrungen statt. Es wurden über viele hundert Meter noch nicht einmal Schilder aufgestellt.

Am Boden Arbeitende strichen den neuen Belag schon glatt, während vor ihnen noch Haufenweise zu Schutt zerbrochene Gehweggplatten sich türmten. Und Lastentragende, Fahrende, nach Taxis Rufende oder sich Umsehende, Katzenstreichelnde, Kaffeetrinkende und Müßiggänger schlängelten sich umeinander herum, balancierten aneinander vorbei. Alles, wie es heisst, ging seinen Gang.

Exotisch, Oh ja. Utopisch schon beinah.

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14.01.

„Ob ein Mensch Erfahrungen machen kann oder nicht, ist in letzter Instanz davon abhängig, wie er vergisst.“ Frank Witzel stellt diesen Satz von Adorno der erweiterten Neuausgabe seiner Erfindung der Roten Armee Fraktion voran und ich finde, er hat Recht. Also beide.

Ich liege im Nachtzug nach Chiang Mai. Schwer zu sagen, wie schnell der fährt, die Fahrtzeit beträgt wohl 12 Stunden.

Es ist der gleiche Zug, mit dem ich schon in den neunziger Jahren, damals noch von einem anderen Bahnhof in Bangkok aus, in den Norden gefahren bin. Und später, 2010 noch einmal. Wieder mit diesem Zug, wieder von jenem Bahnhof aus, den es noch immer gibt, erst heute früh sind wir an diesem Bahnhofsgebäude, das etwas Französisches ausstrahlt, vorübergefahren. Mittlerweile sind ringsum diesen Bahnhof, der einst solitär auf mich wirkte, stattlich, hohe Häuser gebaut worden. Heute wirkt er auf mich viel zu klein. Unbenutzbar. Obwohl ich es besser wissen dürfte.

Der Zug, unverändert durch diese Zeit, fährt mittlerweile von einem grotesk riesigen, dem neuen Bahnhof, ab, den die Chinesen den Thailändern gebaut haben. Als vorläufigen Endpunkt einer neuen Route von Peking über Laos bis nach Bangkok hinein.

Der Danaer Bahnhof ist auf eine Weise überdimensioniert, selbst die darin eingebauten Toilettensäle sind es, dass ich es als lachhaft und furchteinflössend zugleich empfinde.

Noch aber gibt es diesen Zug. Mit seinen Vorhängen aus rosa Kunstseide, den mild gesteppten Zudecken, dem Plumpsklo und den Hoheitszeichen der Königlichen Eisenbahngesellschaft in Gelb, mittig auf jedem Fenster. Dahinter die Nacht.

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13.01.

Noch in der ersten Nacht in unserer Wohnung hier, ging meine Brille verloren. Da es in der Wohnung geschah, während ich schlief, ging ich von ihrem Verschwinden aus.

Dass sie innerhalb der Behausung verschwunden war und nicht etwa auf dem Weg dorthin, ließ sich von mir präzise bestimmen, da ich vor dem Einschlafen noch ferngesehen hatte (eine Folge einer koreanischen Kochshow, deren Titel ich mit „Kulinarischer Klassenkampf“ übersetzen würde), und das hätte ich ohne die Brille nicht gekonnt, da ich ohne zwar nicht schlecht sehe, bloss halt nicht sehr weit.

Den ersten Tag in Wat Song nahm ich also weitgehend mit unscharfen Bildern in mich auf. Auffällig in einem Sinne von neuartig schienen mir vor allem die vielen Filmenden auf den Strassen. Immer wieder hielt ich an, um das gedachte Band zwischen Filmendem und Gefilmter nicht zu zerfetzen. Beim Essen hinter einem Suppenwagen saß eine, die sich beim Essen ihrer Suppe selbst filmte. Ihr Telefon hatte sie auf ein eigens dafür mitgebrachtes Stativ montiert, das sie auf der anderen Seite ihres Tisches für Zwei positioniert hatte.

Am darauffolgenden Morgen verzichtete ich darauf, die kleine Wohnung noch einmal nach der Brille zu durchsuchen und ging die Sache zielstrebig an aufgrund einer Eingebung, die ich im Schlaf erhalten hatte.

Tatsächlich stak die Gesuchte zwischen dem Headboard des Bettes und einer dahinter mehr aufbewahrten als aufgestellten Wand aus hellem Rattangeflecht.

Die Preisgabe der verschwundenen Brille war das Ankunftssignal meiner Seele, die nun den durch die Fluggeschwindigkeit unbotmässig vorausbeförderten Körper ereilt hatte.

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