2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
27.03.
Kluge tot — eine Nachricht, die mich, anders als sonst, aus dem Toten Winkel meines Sehfeldes erreicht. Da war sie schon drei Stunden alt. Der Grund für die Belegtheit meiner Aufmerksamkeit ist die Ankunft der Katzen, Lola und Elmo. Es ist zwei Jahr her, dass sie zum letzten Mal bei uns zu Gast sein durften. Damals, im Winter meiner Krankheit.-
Das eine Gespräch mit Alexander Kluge, 2004, ist mir unvergesslich geblieben. Ich weiß gar nicht mehr genau zu sagen, wie ich es damals aufgezeichnet habe, mit welcher Technik; mit welchem Gerät. Seine Technik hingegen: Zu Beginn kündigt er an, wieviel Zeit uns zur Verfügung steht (45 Minuten). Und obwohl er auch auf Fragen antwortet vollzieht sein Text zugleich einen perfekten Bogen, der bei Minute 44 circa einen Punkt erreichen wird, der ihn mit seinem ersten Satz in Verbindung bringt.
Ich wusste damals nicht, was ich noch sagen sollte. Und es geht mir auch heute noch so.
23.03.
Im frühen Licht, wenn alles noch so wirkt, wie von der Sonne aus dem feuchten Gras gezogen, durch die Straßen und die Kleingartenanlagen bis hinauf in den Botanischen Volkspark. Der Forsythienstrauch malt mit sienem gelben Besen einen schattenfarbenen Schatten an eine rosa Wand. Weißdorn und die jungen Birnen sind von weit geöffneten blütenweißen Rosetten überzogen (alles Sexualorgane, sagt Emanuel de Coccia). Am Gipfel der Magnolienkrone schieben sich die Knospen der Wärme entgegen, Radieschen der Lüfte. Es macht einfach nur Freude, zu Gehen.
Nicht überall harmoniert die Fassade, gefällt das, was sich dort hinter den Fenstern gezeigt wird und wenn es die Türen nicht gäbe, würde ich womöglich hineingehen, um ab und um zu räumen.
Dylan Watson-Brawn schreibt, dass er, in den Tagen des Ernst schon überlegt hatte, seinen Gästen ein Parfumverbot aufzuerlegen.
So in der Art.
21.03.
Wiedersehen mit Pablo. Seit September hatten wir uns nicht mehr gesehen, mindestens. Er ist noch ganz der Alte. Noch schöner eigentlich. Wir erkennen einander wieder. Was er nicht erkennen kann: Ich trage dabei das Pablo Shirt, auf dem ein Porträt zu sehen ist, das Judith von ihm gezeichnet hat. Auch vom Tagebuch, das seinen Namen trägt, weiß Pablo nichts und ich könnte ihm auch nichts davon erzählen.
Dass wir dennoch einander freundlich begegnen können und dass auch stets und, wie es ausschaut, immerdar, ist ein Wunder. Zumindest für mich.
Ob für ihn auch — mir bleibt bloss, zu vermuten.
Oder ist das doch hoffen?
18.03.
Eine Frau macht sich über ihren Salat her. Ich habe wirklich den Eindruck, dass es ihr nicht mehr möglich war, die Nahrungsaufnahme noch hinauszuzögern. Der Waggon der S-Bahn ist voll besetzt. Die Sonne scheint. Sie sitzt direkt neben mir.
Dessentwegen ich meinen Blick auch schwer nur abwenden kann. Der Salat, den sie mit raschem Griff aus dem Rucksack auf ihrem Schoß ans Licht gezerrt hatte, wurde in die ausgespülte Umverpackung eines Schichtkäses gefüllt. Meines Erachtens. Möglicherweise gibt es auch andere Lebensmittel, denkbar wäre auch Hackfleisch, die in solch gerippten, hochwandigen Schalen aus dünnem, weißen Kunststoff verkauft werden.
Sie schlingt den Salat. Zwischen den salatfarbenen Bestandteilen werden mir himbeerhaft leuchtende Partien aufs Auge gedrückt. Immer wieder fühle ich mich vor allem von diesen schwer zu entziffernden Farbimpulsen genötigt, in ihren Salat zu schauen.
Später fragte ich mich, warum man nicht über sämtliche Geschehnisse und Beobachtungen so schreiben kann, als ob sie sich in einem fremden Land, in einer anderen Sphäre ereignet hätten.
Beziehungsweise: Schreiben könnte ich, aber es würde anders gelesen — warum? Woran liegt das? Lassen sich die dieses Leseerlebnis bestimmenden Faktoren ausschalten, beziehungsweise modulieren? Wie? Auf welche Weise? Und so fort.
Kurt darauf widerfuhren mir im hiesigen Postamt oder -Center Szenen — Dabei wollte ich doch lediglich zwei Päckchen auf ihren Weg bringen… Weird scenes inside the gold mine.
Zumindest ist die bestimmende Farbe dort Gelb.
16.03.
Mein Vater lebt fort in der Spitze meines Zeigefingers, in dem Geräusch der Barometerhaube, wenn ich in der Frühe den Zeiger auf den Stand bringe. Klopfenderweise.
Der Schneeball blüht. Mein Bruder schickt mir Fotos aus Graubünden — mal ist es Blaubünden, dann Weißbünden.
Ein Zeichen des Älterwerdens, nicht alt, ist mein Gefühl, in einer Schleife zu leben. Und dies zu erkennen, allmählich. Ihre Gestalt.
Duplicate and then you wait for the next Kuwait