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2021:
SCHÄUMENDE
TAGE

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem wechselnden Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Schäumende Tage». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren sind archiviert bei waahr.de

29.4.

Noch irritierender als das Werk des früh verstorbenen Usbeken Alexander Wabel fand ich dann (in der Zeitung) die kleine Meldung aus New York, wo am Flughafen ein Mann festgenommen worden war, der mehr als 30 Finken ins Land zu schmuggeln versucht hatte. Und zwar an seinem Körper. Ähnlich wie Drogen. Aber halt nicht innerlich, sondern am Körper befestigt. Die Gehäuse für die Vögel hatte er wohl aus Lockenwicklern fabriziert.

Später gab ich dann dem Sirenenruf des Supermarktradios nach und kaufte endlich den sogenannten Quäse, von dem dort andauernd aus den in die Hallendecke eingebauten Lautsprechern geschwärmt wird wie von dressierten Lerchen.

Dabei, bei Quäse handelt es sich, wie Friederike zurecht vermutet hatte, um einen umgetauften Handkäs‘, der mir nun aber — für mich selbst leider wenig überraschend — ganz ausgezeichnet mundete, weil er ja endlich nicht mehr so eklig heisst.

Ein Supermarkt, der eigens den neuartigen Lebensmitteln gewidmet wäre und ausschließlich solche im Sortiment hätte, das wäre schon was…

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28.4.

Ausflug zum Lerchenfeld, zwischen den alten Startbahnen von Tempelhof. Man kann sich dort einen Elektroroller leihen, um das verblüffend weitflächige Areal zu erkunden. Der Verleiher hörte sehr laut Boney M.

Bald schon vernahm ich den Sound der Lerchen. Flirrend stand er, wie das ihn ausstoßende Tier selbst, in der Luft über mir.

Den Klängen dieses leider selten gewordenen Vogels ist etwas beigemischt, das dem Ohr mittlerweile elektronisch anmutet; nachdem ich seit mehr als zehn Jahren den Liedtext zu, ach, Karma Police studiere, war ich mir heute wieder relativ sicher, dass mit dem «detuned radio» und dem «buzzing fridge» die Sounds der Lerche gemeint sein werden.

Interessant im musikalischen Zusammenhang freilich unter anderem auch Horace Andy, sowie Robert Fripp, der, wie so oft, erfolgreich klagte gegen den Produzenten des Softsex-Klassikers Emmanuelle, weil dessen Handlung stellenweise mit der Frippischen Komposition «Lerchenzungen in Aspik» untermalt worden war, ohne ihn (Fripp) um Erlaubnis zu fragen.

Ein früher Fall von Copyright Infringement, aber halt auch im Zeichen der Lerche.

Warum diese Vogelart, deren Hähne aus dem Stand fünfzig Meter vertikal aufsteigen können wie spielend, andererseits ihre Nester ausgerechnet auf dem Erdboden zu errichten beharrt, gehört wohl zu den Mysterien der Natur. Eventuell sollte man sie in Ruhe aussterben lassen. So schön sie auch klingen.

Wir werden nicht alle mitnehmen können zum Mars.

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27.4.

Heute gegen elf, wir saßen auf dem leuchtenden Balkon, landete der kleine Prinz auf dem benachbarten Dach und schaute zu mir herüber, bevor er sich seinem Tagesgeschäft widmete.

Amseln sehen sich ähnlich, auch ich kann sie kaum auseinanderhalten. Aber wir beide erkannten uns gegenseitig und sofort.

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25.4.

Obzwar nicht arm an großen Bäumen, hat sich die neue Wohngegend bislang als Amselarm erwiesen. Nebelkrähen sind, klar, so üppig vorhanden wie überall sonst auch in der Stadt. Von der nahegelegenen Kleingartenanlage wird ab und an das Keckern eines Grünspechts heran geweht. Und aus den Sträuchern schallt es vor lauter Spatzen.

Berlin ist eine Spatzenstadt. Im Naturkundemuseum, das vorausschauenderweise in der Invalidenstraße eingerichtet wurde, gibt es ein Diorama mit dem Titel «Tiere in der Stadt». Dazu gibt es eine realistische Berliner Bushaltestelle zu sehen, an der ein eventuell hyperrealistischer Abfallbehälter im Begriff scheint, überzuquellen wie der Breitopf im Märchen; allerdings nicht mit Brei, sondern halt vor lauter Müll. Die lebensecht präparierten Spatzen indes wurden von allen Seiten her um diesen Quell sich tummelnd arrangiert.

Das Diorama stammt aus den siebziger Jahren, aber wer sich beispielsweise schon einmal in der Sredzkistraße mit seinem Croissant dort vor die sagenhafte Bäckerei versucht hat hinzusetzen, wird schon wissen: Die Spatzen gibt es. Und Hunger haben sie auch immer noch.

Aber sie pfeifen nichts von den Dächern. Spatzen schnatzen. Im Sprichwörterverzeichnis von Lutz Röhrich steht, dass der Spruch mit den pfeifenden Spatzen erst seit dem 19. Jahrhundert nachgewiesen, beziehungsweise belegt werden kann.

Eventuell hat seitdem nicht etwa das Lausch- oder Hörvermögen zugenommen, wohl aber das Interesse an den Tieren in der Stadt. Fortan pfeift nicht alles oder singt, sondern…

Jedenfalls saßen wir heute nach einem Gang durch den Kirschgarten am anderen Ufer des ehemaligen Todesstreifens vor einem Lokal namens Pizzahütte, das freilich geschlossen hatte. Aber über uns, aus dem nackten Geäst eines Baums, sang eine Amsel.

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24.4.

Anders als in Frankfurt zeigt sich die Armut in Berlin nicht ausschließlich in einigen, fest umrissenen Gebieten am Rand der Stadt. Hier, wo man laut Jürgen Kaube «den Kapitalismus nur vom Hörensagen kennt», hat sie sich verflüssigt wie die Macht und hat das Straßenbild in beinahe jedem Bezirk durchdrungen. Bei einem Ausflug nach Wedding, zum Mittagessen, ließ ich mich wie Popcorn flussabwärts treiben. Eine gedrungene Frau, die eben noch mit mir in der Straßenbahn zur Osloer Straße gesessen hatte, trug jetzt ein Schild vor sich her «Ich bin krank und brauche Medikamente».

Aus einem veritablen Loch in der Wand, kaum größer als eine Schallplattenhülle, überreicht eine Hand im blauen Gummihandschuh die kleinen Behälter mit den Testsets an den oder die Kopf einer langen Warteschlange. Die seit einigen Jahren von Türken betriebene Apotheke hat im Zuge der Zeit auf Testcenter umgestellt. Die Schlange könnte rein von den Zahlen her deutlich kürzer sein, aber die Leute müssen ja Abstand voneinander halten. Das erinnert fatalerweise an die Grafiken, mit denen einst die Vorteile des Omnibusverkehrs gegenüber Individualverkehr veranschaulicht werden sollten. Der Stau reicht bis zum Horizont. Bis nach Gesundbrunnen. Ausgerechnet.

Die Macht wiederum, das hat mir Günter Maschke einst erklärt, sie hat sich ebenfalls verflüssigt und dringt selbst in die bislang für sie noch unzugänglichen Bereiche. Heißt die Kita «Plapperfisch» höre ich die Stimme von Franziska Giffey. Vor einer Baustelle, auf der es nichts zu sehen gibt, noch nicht einmal Geräte, auch kein Loch, bloß ein großes Schild auf Stelzen, hält der Erzieher eine Gruppe kleiner Kinder in gelben Warnwesten an den Händen — er ist Kali — und erzählt ihnen etwas vom Bauen. Auf dem Schild steht «Hier entstehen 89 provisionsfreie Eigentumswohnungen». Bald kommt der Bagger. Bald können sie lesen. Oder wie es im Schaukasten der benachbarten Kirche heißt: Das Kind in der Krippe ist der Mann am Kreuz.

Torstraße, Ecke Alte Schönhauser: Suhrkamp, culture, lol.

In acht Monaten ist Weihnachten.

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