2022:
ZART BESAITET
HEITER GESTIMMT

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem wechselnden Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Zart besaitet, heiter gestimmt». Tagebucheinträge aus dem Jahr 2021 sind hier auf der Seite archiviert; die aus allen vorangegangenen Jahren finden sich bei waahr.de

29.6.

Inmitten einer Hochphase der Industriekultur sollte ich also lernen, das Einmalige wert zu schätzen. Noch einmal oder auf eine noch einmal ganz andere Art.

Seit ungefähr einem halben Jahr zeigt sich der Tod, das Enden, als mein alltäglicher Begleiter. Angefangen bei den Katzen, die, kaum dass ich ihnen zum ersten Mal begegnet war; kaum, dass ich sie lieb gewonnen hatte: sterben sollten.

Jonny

Milo

Piccolino

Und so weiter/ Und so fort

Inherent Vice nennen sich die angeborenen Mängel — Schokolade schmilzt, Glas bricht, Lebewesen sterben.

Wo ich einst war, komme ich eventuell niemals wieder hin.

Eine Spinne hat ihr Netz an meinem Schreibtischstuhl fest gemacht. Das wurde heute früh durch einen Zufall entdeckt und es ist mir nicht peinlich.

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26.6.

Der amerikanische GQ hat ein langes Porträt von Brad Pitt, das Otessa Moshfeg verfasst hat. Sie lässt Pitt, der ihree Meinung nach 58 wird im nächsten Jahr, andere sagen, er würde dann 61, unter anderem seine Meinung kundtun zu der alten Frage, ob man sein Stilles Wasser aus dem Kühlschrank trinken sollte oder aber bei Zimmertemperatur:

«All my friends have gone to room temp» he says. Room temp. That seems appropriate. The vibe here is gentle and calm.

Der Vibe hier, am ersten Morgen meines 52. Jahres (18616 Tage auf der Welt!) ist. ebenfalls: sanftwellig und getrost.

Er befände sich jetzt in seinem letzten Semester, gibt Brad Pitt zu Protokoll. Eventuell wird das Leben ihm sogar bloß noch ein Trimester gewähren. Das Rauchen hat er sich abgewöhnt, dafür kaut er jetzt Nikotingummi; Schauspielen will er bald nicht mehr, er beschäftigt sich mit der handwerklichen Herstellung von Kerzenhaltern aus Porzellan.

Im Biomülleimer saß ein Waschbär, die Luke hatte er selbst geschlossen, um dort unten ungestört unsere Abfälle sortieren zu dürfen.

Draußen sangen sie Vögel wie an jedem anderen Tag um diese Zeit in den Jahren.

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25.6.

Auf meinem Heimweg kaufte ich Mitten in der Nacht ein großes Stück aus einer Wassermelone. Ich hatte den Verkäufer ausdrücklich um die Köstlichste aus seinem gewaltigen Haufen gebeten.

Er hatte daraufhin drei Exemplare ausgewählt, sie sich nacheinander an seine Ohrmuschel gehoben und ihre Rundungen mit den Fingerspitzen betrommelt. Wie eine Hebamme lauschte der den Resonanzen im Melonenbauch.

Mit langer Klinge schnitt er der Auserwählten eine sicheldünne Scheibe heraus, teilte diese und überreichte die mir zugedachte Hälfte der Kostprobe auf der Messerspitze. Zeitgleich bissen wir, cis und trans des Melonengebirges, hinein.

Er hatte meinen Blick gesucht, um sich meines Empfindens für den Wohlgeschmack dieser Melone zu versichern. Ich sah die auch in seinen Augen und also durften wir ins Schwärmen kommen.

Anderntags ging ich nich einmal dorthin zu dem Stand mit Früchten, der vor dem S-Bahnhof steht, um
mich zu bedanken. Aber der Verkäufer aus der Nacht war da nicht zugegen. Dafür sein Bruder. Er freute sich sehr über meine Freude. Nach ein paar Stunden im Kühlschrank hatte mir die Melone freilich nur noch köstlicher gemundet als nachtwarm am Stand.

Danach ging ich zum Blutspenden. Es war heiß, und um mich zu stärken für den Aderlass, hatte ich mir eine bombastische Tempura-Platte bestellt. Inmitten meiner Mahlzeit kam ein Spatz angeflogen, um mir gegenüber auf der Lehne des Stuhles such niderzusetzen wie ein Gegenüber; wie ein Tischgefährte an diesem schattigen Platz.

Als ich mein Glas mit eisgekühltem Mineralwasser zum Munde führte, sperrte er den Schnabel auf und betrachtete mich mit seinen dunklen, brombeerperlenhaften Augen — aufmerksam, wie es mir schien.

Abermals verspürte ich das schreiende Unrecht, dass ich mir aussuchen konnte, was, wie und wann ich etwas Spezifisches (zum Beispiel Fisch, sogar Spezi mit Fisch) zu mir nehmen will. Der Spatz kriegt das, was übrig bleibt.

Den Schluck prickelnden Eiswassers aus dem Schraubdeckel der Flasche serviert, nahm er gerne an.

Wenn ich meine Kniegelenke rückseitig hätte, könnte ich auch schöner hüpfen.

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23.6.

Zurück aus Brandenburg. Eine selige Zeit, Tage am See ohne Zeit, liegt «hinter mir». Immer wenn ich nach Berlin zurückkehre*n *muss, bekomme ich das Gefühl, dass ich unendlich weit weg entfernt war — was beinahe niemals stimmt; dieses mal: knapp eine Stunde.

Andere Landscape, andere Soundscape vor allem: Das Gartenrotschwänzchen klirrte aus dem voll beladenen Kirschenbaum, nachts zwitscherten die Waschbären im Garten. Weil mein Schlafzimmer schattig war, schlief ich ungewohnt lang.

Wer auch immer behauptet haben mag, dass Bienen niemals still stehen, immer fleißig: In Wahrheit vollbringen die Mauersegler diese tolldreisten Taten. Ein Leben im Flug — wie es sich manche von uns anscheinend wünschen. Rastlos. Pausenlos. Überhaupt: -los.

Nachmittag kreiste über unserem Platz der Milan, seine Schwanzfedern aufgefächert in einem mineralischen Rot. Der Himmel hingegen war makellos. Blau.

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20.6.

Magnum preist sein neues Eis am Stiel an mit dem Slogan «Classics can be remixed».

Die neue Sorte heißt demzufolge «Almond Remix» und auf dem Plakat oder Poster ist ein Rolling-Stones-hafter Mund zu sehen, dessen Lippen sich in dünnen Schichten aufgeblättert zeigen wie Mille-feuille; wie Kalenderblätter einer Zeit.

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