2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
16.08.
Den halben Vormittag damit verbracht, mein Arbeitstagebüchle aus Dänemark abzutippen. Eine angenehme Arbeit, weil sie auch leicht war und mir alles neu, was ich dabei zu lesen bekam.
Dabei hörte ich eine Playlist mit mir unbekannten Songs, die ich unter dem Titel „Deprimierende Musik“ gesammelt hatte. Die Sammlung hatte ich der Kommentatspalte eines Beitrages auf Reddit entnommen, der nach der deprimierendsten Musik gefragt hatte.
Fand’s überwiegend lame. Spannungslos. Da kenne ich schon weitaus deprimierenderes.
Dazu passte die Meldung von Meta, Sektion Instagram, dass sie meinen neuesten Beitrag zur Löschung verurteilt hatten. Aufgrund von Nacktheit. Ich leitete freilich umgehend ein Ersuchen um Wiederherstellung meines Beitrages in die Wege. Die Antwort umgehend: Abgelehnt. Und zwar endgültig!
Ich frage mich, wann man dann endlich mit einem elektrischen Schlag gezüchtigt wird. Verschärfend wird einem fünfzehn Prozent vom Serotoninspiegel abgeschlürft.
13.08.
Gestern dann, ich hatte gerade die Banitza aufgetischt, kam es zur Sonnenfinsternis. Vor dem Fensterrahmen veränderten sich die Schattierungen von der Palette Kirchners hin zu der De Chiricos. Die Vögel schwiegen wie bedrückt. Es wurde ganz still.
Auf der anderen Seite der Wohnung war es ebenso still. Auch nicht wirklich dunkel. Man saß dort in einer unterbelichteten Fotografie. Die Farben bräunlich, stumpf.
Später, als es vorüber war aber auch nicht wieder, sondern anders hell, begegnete ich auf der Straße einem Mädchen, dass noch immer seine Schutzbrille trug. Von den reflektierenden Folien verdunkelt, ging es nahezu blind. Kinder lieben Sinnesentzug. Kinder kennen nichts als Reversibilität.
Die nächste Sonnenfinsternis ist erst nach 2080. Da bin ich schon über hundert.
12.08.
Neulich, morgens in der Gropiusstadt, hatten sich unweit von uns drei Grazien auf dem Rasen niedergelassen. Eine jede von ihnen wie von Botero gemalt oder zumindest: imaginiert. Alle drei waren sie zudem noch identisch gekleidet, in schwarz schimmernde Rennfahrradfahrerinnentrikots und -shorts. Darüber ließen sie jeweils eine Art Strandblusenjacke wehen, ebenso schwarz.
Bevor sie einen Lautsprecher, der kaum länger war als ein Lippenstift, benutzten, um darüber den Sommerhit „Mitsubishi“, einen klassischen Two-Step-Shuffle von Saint Levant und Haifa Wehbe zum Klingen zu bringen, unterhielten sie sich über eine Snackspezialität. Und das auf eine derart animierende Weise, dass ich kaum noch an etwas anderes mehr denken konnte in den folgenden Stunden.
Die Rede war von einer Banitza, jener bulgarischen Frühstücksschnecke, die ich auf unserer Fahrt durch die Rhodopen erstmals kennenlernen durfte.
Seitdem, es ist bald sieben Jahre her, verzehrte ich mich nach einem Wiedersehen (vor allem -munden) mit dieser robusten Köstlichkeit. Doch hatte sich, gerade als die Grazien auf die Bezugsquelle ihrer Banitza zu sprechen kamen, eine lärmende Familie auf dem Durchmarsch zur Doppelrutsche zwischen uns geschoben als fortbewegter Paravent dergestalt, dass ausgerechnet diese kritische Information nur halb erhalten an mein Ohr herangetragen wurde. Ob nun bei Lidl oder bei Aldi blieb sozusagen offen.
Dennoch faszinierend. Auch wegen Bansko. Mir war das bunte fenster dort wieder eingefallen, knapp über dem Boden. In dem wundersamen Hotel am Fuße der Berge.
Es ist dieses Belauschen und sich den anderen aussetzen, um sich gleich daraufhin wieder zu entziehen, von dem Hermann Lenz schreibt, dass es den Schreibvorgang kennzeichnet. Ohne das eine und das andere wird das von ihm sogenannte Absondern der Schriftform nicht möglich. Unwillkürlich fällt mir dazu die Passivität einer Muschel ein, die sämtliches durch sich hindurch wehen oder spülen lassen muss. Und ob es am Ende eine Perle ergeben wird, scheint auch kaum beeinflussbar…
Die Gefahr, diese Grazien zu vergöttern, liegt nah.
09.08..
Unerwartetes Wiedersehen mit Professor Bienek im Herbstlicht. Dass er sich dort unter einem der vielen Pseudonyme verbergen könnte, hatte mir damals, bei der Erstlektüre, natürlich nicht auffallen können (die Bienek-Tegebücher sind ja erst 2024 erschienen).
In deren Lichte ist aber das Ereignis, das Hermann Lenz berichtet, schon recht ungeheuerlich und fügt dem Charakter Horst Bieneks nur eine weitere Komplifizierung hinzu. Vermutlich hätte es ihm auch geschmeichelt, bloß hat er die Veröffentlichung von Herbstlicht durch seinen frühen Tod wiederum verpasst.
Kurz nach seinem Umzug von Stuttgart nach München also erhält Lenz im Herbst 1978 den Büchner Preis. Noch vor der Preisverleihung und kurz nach der Bekanntgabe erhält das Ehepaar an seinem Privatanschluss spät am Abend einen anonymen Anruf. Der Anrufer verhöhnt den Ausgezeichneten mit verstellter Stimme und einem aufgesetzten bayerischen Dialekt. Doch Frau Lenz identifiziert ihn aller Maskerade zum Trotz als Horst Bienek.
Die Verachtung Bieneks für Hermann Lenz war mir schon bei Lektüre seiner Tagebücher aufgefallen. Der Zuzügling gerät ihm vors Visier, weil er nach seinem Umzug, womöglich auf Vermittlung von Hubert Burda, zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste ernannt wurde. Bienek erträgt ihn kaum. Der Neid vergiftet ihm auch die Anwesenheit des Ehepaares an sich, denen er in der Münchner Kulturgesellschaft nun andauernd begegnen wird. Wie gewöhnlich entlädt er seine Aggressionen ins Tagebuch. Im Eintrag vom 07. 01. 1985 hält er fest „Wenn nur z.B. das Ehepaar Lenz (o Gott; ja, es gibt zwei, aber wenn ich nur darüber nachdenke, so sind beide Paare gleich leichenhaft!) auf einer Party auftaucht: da verbreitet sich doch arktische Kälte ringsum.“
Kurz vor seinem eigenen Tod, im Eintrag vom 28. 02. 1988 ist es ihm noch wichtig an die Nachwelt durchzugeben „Hermann Lenz 75. Er wird in allen Zeitungen gefeiert. Mich hat er immer gelangweilt. Bis jetzt! Ich glaube auch nicht daran, dass er besser geworden ist (ein besserer Erzähler), nur weil Handke ihn entdeckt hat.“
Das Ehepaar Lenz kommt, das erfährt man in Herbstlicht, auf die Beerdigung von Katschmarek. Aber das kriegt der selbst freilich nicht mit.
06.08.
Als Rekonvaleszent betrat ich den schattigen Verkaufsraum des kleinen Asiatikaladens an der Florastraße. Die Chefin, sonst immerzu im Telefonieren begriffen, schlief hinter ihrer Kasse. Der Kopf ruhte in der Armbeuge.
Leise, um sie ja nicht aufzuschrecken, bewegte ich mich auf das Hinterzimmer zu. Aus einer Tür, die in den Kühlraum führte, trat der Chef und ging grußlos an mir vorbei, um selbst auch kein unnötiges Geräusch zu produzieren. Er nahm eine Kunststoffschüssel an sich, in der sich Früchte stapelten, und verschwand in seinem Ruheraum.
So will ich sein. So mich durch Räume bewegen. Wie man schreibt. Als ein Geist.
Die Freude am Wiederkehrenden, an seiner Schönheit, mag in der Erfahrung mit dem Lauf der Jahreszeiten gründen. Sie sind ja stets die selben und doch immer ganz anders und neu. So wie ein Buch, dass man sich noch einmal vornimmt, um darin zu lesen. Man denkt, man hätte es gelesen, ganz, und hat ein Bild von dem, was man gelesen hatte, in sich bewahrt. Und trotzdem kann es, weil man sich selbst halt anders durch die Zeit bewegt als dieser Text, beim Wiederlesen ein ganz neues Buch, vielleicht sogar ein anderes sein, als gedacht.
So geht es mir derzeit mit Hermann Lenz. Ganz erstaunlich. Überraschend. Und belebend. Stand heute würde ich sogar sagen: Im nächsten Sommer nehme ich ihn mir wieder vor.