2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
15.01.
In der letzten Folge von Kulinarischer Klassenkampf erklärte ein Juror das vorrangige Kriterium der Entscheidungen: „Wir sind hier auf der Suche nach einem verbindenden Element, das ein Gericht zusammenzubinden schafft.“ In der Gesellschaft, die meines Wissens nach nicht mit einer Speise verglichen wird, besteht dieses Element, das hier alles zusammenhält in einer andauernden Rücksichtnahme aus Respekt vor den anderen, die den großen Fluss, ein Fließen in Gemeinsamkeit aber nicht etwa staut, sondern tatsächlich erst ermöglicht.
Am augenfälligsten, spürbarsten auch, im Straßenverkehr, der zwar Verkehrszeichen kennt und auch Ampeln und Zebrastreifen et cetera aber all dies auch wiederum nicht benötigt, weil dort zu jeder Zeit und in jeder Verkehrslage stets so gefahren wird, dass ein Fussgänger ohne weiteres eine vierspurige Hauptverkehrsader zur Rush Hour überqueren kann, ohne sich oder irgendetwas befürchten zu müssen.
Er wird von den anderen Verkehrsteilnehmern, gleich ob im Muldenkipper oder auf einem hochaufgetürmt beladenen Moped unterwegs, geschmeidig umflossen, als ob er ein Kiesel wäre. Oder Treibholz.
Derzeit wurden in Wat Song die Trottoirs, bislang seit Jahrzenten schon mit rötlichen Zementplatten gepflastert, abgerissen und durch eine aus Beton glatt gegossene Alternative ersetzt. Dieser Komplettabriss der Fussgängerwege in einem stark vom Individual- wie Lieferverkehr befahrenen Viertel fand ohne Straßensperrungen statt. Es wurden über viele hundert Meter noch nicht einmal Schilder aufgestellt.
Am Boden Arbeitende strichen den neuen Belag schon glatt, während vor ihnen noch Haufenweise zu Schutt zerbrochene Gehweggplatten sich türmten. Und Lastentragende, Fahrende, nach Taxis Rufende oder sich Umsehende, Katzenstreichelnde, Kaffeetrinkende und Müßiggänger schlängelten sich umeinander herum, balancierten aneinander vorbei. Alles, wie es heisst, ging seinen Gang.
Exotisch, Oh ja. Utopisch schon beinah.
14.01.
„Ob ein Mensch Erfahrungen machen kann oder nicht, ist in letzter Instanz davon abhängig, wie er vergisst.“ Frank Witzel stellt diesen Satz von Adorno der erweiterten Neuausgabe seiner Erfindung der Roten Armee Fraktion voran und ich finde, er hat Recht. Also beide.
Ich liege im Nachtzug nach Chiang Mai. Schwer zu sagen, wie schnell der fährt, die Fahrtzeit beträgt wohl 12 Stunden.
Es ist der gleiche Zug, mit dem ich schon in den neunziger Jahren, damals noch von einem anderen Bahnhof in Bangkok aus, in den Norden gefahren bin. Und später, 2010 noch einmal. Wieder mit diesem Zug, wieder von jenem Bahnhof aus, den es noch immer gibt, erst heute früh sind wir an diesem Bahnhofsgebäude, das etwas Französisches ausstrahlt, vorübergefahren. Mittlerweile sind ringsum diesen Bahnhof, der einst solitär auf mich wirkte, stattlich, hohe Häuser gebaut worden. Heute wirkt er auf mich viel zu klein. Unbenutzbar. Obwohl ich es besser wissen dürfte.
Der Zug, unverändert durch diese Zeit, fährt mittlerweile von einem grotesk riesigen, dem neuen Bahnhof, ab, den die Chinesen den Thailändern gebaut haben. Als vorläufigen Endpunkt einer neuen Route von Peking über Laos bis nach Bangkok hinein.
Der Danaer Bahnhof ist auf eine Weise überdimensioniert, selbst die darin eingebauten Toilettensäle sind es, dass ich es als lachhaft und furchteinflössend zugleich empfinde.
Noch aber gibt es diesen Zug. Mit seinen Vorhängen aus rosa Kunstseide, den mild gesteppten Zudecken, dem Plumpsklo und den Hoheitszeichen der Königlichen Eisenbahngesellschaft in Gelb, mittig auf jedem Fenster. Dahinter die Nacht.
13.01.
Noch in der ersten Nacht in unserer Wohnung hier, ging meine Brille verloren. Da es in der Wohnung geschah, während ich schlief, ging ich von ihrem Verschwinden aus.
Dass sie innerhalb der Behausung verschwunden war und nicht etwa auf dem Weg dorthin, ließ sich von mir präzise bestimmen, da ich vor dem Einschlafen noch ferngesehen hatte (eine Folge einer koreanischen Kochshow, deren Titel ich mit „Kulinarischer Klassenkampf“ übersetzen würde), und das hätte ich ohne die Brille nicht gekonnt, da ich ohne zwar nicht schlecht sehe, bloss halt nicht sehr weit.
Den ersten Tag in Wat Song nahm ich also weitgehend mit unscharfen Bildern in mich auf. Auffällig in einem Sinne von neuartig schienen mir vor allem die vielen Filmenden auf den Strassen. Immer wieder hielt ich an, um das gedachte Band zwischen Filmendem und Gefilmter nicht zu zerfetzen. Beim Essen hinter einem Suppenwagen saß eine, die sich beim Essen ihrer Suppe selbst filmte. Ihr Telefon hatte sie auf ein eigens dafür mitgebrachtes Stativ montiert, das sie auf der anderen Seite ihres Tisches für Zwei positioniert hatte.
Am darauffolgenden Morgen verzichtete ich darauf, die kleine Wohnung noch einmal nach der Brille zu durchsuchen und ging die Sache zielstrebig an aufgrund einer Eingebung, die ich im Schlaf erhalten hatte.
Tatsächlich stak die Gesuchte zwischen dem Headboard des Bettes und einer dahinter mehr aufbewahrten als aufgestellten Wand aus hellem Rattangeflecht.
Die Preisgabe der verschwundenen Brille war das Ankunftssignal meiner Seele, die nun den durch die Fluggeschwindigkeit unbotmässig vorausbeförderten Körper ereilt hatte.
12.01.
Ankunft in Bangkok. Während des Fluges schaute ich mir den letzten „Mission Impossible“ an. Teils mangels Alternativen, überwiegend auch, weil ich noch keinen Film aus der Reihe gesehen hatte. Ich hatte ihn mir, wie immer, ziemlich falsch vorgestellt.
Beziehungsweise anders. Zum Beispiel hätte ich nicht gedacht, dass dieser Film dialoglastig ist. Die Spieldauer beträgt ja mehrere Stunden und ich war davon ausgegangen, dass es kurzweilig vertriebene Zeit werden würde. Dabei ist es recht anstrengend. Ungefähr wie ein Sprachkurs, währenddessen man still zu sitzen hat.
Tom Cruise, der mich frappierend an den mittelspäten Udo Jürgens erinnert hat, gerät am Ende jeder Szene in eine Besprechung unter Experten, in der ihm erklärt wird, worin die Besonderheit der Gefahr in der als nächstes anschließenden Bedrohungslage liegen wird. Lebensgefährlich sind sie alle, aber der Gefährlichkeitsgrad steigert sich von Mal zu Mal.
Springt er beispielsweise aus einem tief fliegenden Truppentransporter ohne Falschirm in das arktische Meer, um punktgenau zwischen zwei Schollen Treibeis in die Tiefe zu tauchen, wo ein gesunkenes U-Boot der Russen auf der Klippe eines unterseeischen Abhangs balanciert, kann die nächste Herausforderung nur noch wahnwitziger sein, wie es im Dänischen hieße.
Das hört sich jetzt allerdings spannender an, als es sich dann im tatsächlichen Film vermitteln kann, denn um diese Wahnwitzigkeiten einem an Niedrigschwelligkeiten gewöhnten Publikum mundgerecht auftischen zu können, braucht es unzählige Vor- und Nachbesprechungen, dazu noch einen unerschöpflichen Strauß an Informationsgrafiken, Schrift-Inserts und die Handlung unterfütternder Rückblicke, damit der an Power-Point geschulte Otto Normalagent auch begreift, was er da schaut. Vor allem auch, warum. Denn im Endeffekt sehen Explosionen ja alle ähnlich aus.
Die Wirklichkeit erscheint mir dagegen vor allem als Augenweide. So wie das Leben überhaupt als meine Weide für die Sinne. Vor allem halt hier.
09.01.
Ich habe einen Iglo gefunden im Park. Er ist ziemlich groß. Eine erwachsene Person kann sich darin in kauernder Haltung bequem aufhalten. Sogar liegend. In bananenhafter Anformung des bergenden Runds. Ich glaube, die Leute, die diesen Iglo für ihre Kinder gebaut haben, sind Architekten. Zumindest sahen sie so aus.
Herrschten jetzt noch Verhältnisse wie in den neunziger Jahren, hätte ich gestern eine Geschichte verkaufen können mit dem Arbeitstitel „Wie ich Schneesturm Elli in einem Iglo erlebt habe“. Oder dergleichen.
Aber es herrschen jetzt andere Verhältnisse. Und was den Verkauf von Geschichten angeht sogar ganz andere (Lucie Varga).
In der Zeitung steht: Björk äußert sich zur Causa Grønland.