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2024: AN DER BASSENA

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem wechselnden Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «An der Bassena». Tagebucheinträge aus den Jahren 2021, 2022 und aus dem vergangenen 2023 sind hier auf der Seite archiviert; die aus allen vorangegangenen finden sich bei waahr.de

22.07.

Draußen auf der Straße war es kühler. Im Buchladen las ein japanisch ausschauender Mann einer (seiner?) Frau aus einem Werk in deutscher Sprache vor. Langsam, auf mich wirkte es besonnen, Satz. Für. Satz.

Sie korrigierte ihn mit sanfter Stimme in einem Englisch, das mich an New Jersey denken ließ; regelrecht dorthin zu transportieren suchte. All die Male, die ich nicht in Newark gelandet war, dafür am sogenannten JFK.

Dann wurde es selbst mir zu warm. Und der Himmel war so bleigrau und silbrig, die Kugel des Fernsehturms ging beinahe darin auf, so,

Als könnte sie darin schmelzen. Im Himmel aus Eisen. Nicht sichtbar die Sonne. Irgendwo oben, dahinter.

Das Buch hieß Die Yacht.

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21.07.

Eine Bushaltestelle am südöstlichsten Stadtrand hatte einen von Hand beschriebenen Zettel «Diary Found!» Die Telefonnummer habe ich mir nicht notiert.

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18.07.

Heute keine Blume vom Wegesrand.

Dafür klammerte sich gestern während eines Streifzuges eine prachtvolle Raupe an meinem Stoffbeutel fest: Larve eines Lindenschwärmers. Lindgrün und samtig, prall. Mit einem turquoisen Horn am Hinterteil.

Da ich seit Jahrzehnten nicht mehr mit einer Raupe zusammengelebt hatte, richtete ich ihr, kaum daheim angelangt, ein Terrarium ein im Kimchi-Glas. Mit diversen Zweigen, die ich en passant abgerupft hatte.

Anfänglich schien es der Raupe dort auch angenehm. Sie klammerte sich an ein Lindenblatt und regte sich wenig.

Abends dann lag sie auf dem gläsernen Boden des Gefäßes und machte einen erschlafften Eindruck auf mich. Immernoch samtig, doch nicht mehr prall. Ziemlich dicke Füße. Veritable Stampfer.

Heute früh hatte ich dann den Salat: Über Nacht war sie ganz braun geworden und ihre Außenhülle schien jetzt wie verholzt mit Rillen und Kerben.

Das habe ich ihr persönlich genommen. Es geht einfach nicht an, dass man sich, kaum im neuen Heim beim Gastgeber eingetroffen, verpuppt. Zudem las ich, dass die Raupe des Lindenschwärmers in der Puppe überwintert. Kaum ist dann im Frühling der Schwärmer geschlüpft, lebt der nach der Eiablage sowieso bloß noch einen Tag ungefähr, weil sein Rüssel vom Prinzip her verkümmert ist dergestalt, dass er damit gar keine Nahrung aufnehmen könnte.

SATIS•EST

Das Terrarium löste ich umgehend auf «mitsamt der Marketenderin».

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16.07.

Wenn Du nur an jedem Tag eine Blume mitnimmst vom Wegesrand, hast Du am Ende der Woche einen schönen Strauß. Und das lässt sich auf alles anwenden im Leben. Auf wirklich alles.

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14.07.

Das Viertel, in dem ich gestern mittags frittierte Moschuskraken aß (Eledone moschata) war von seinen uniformen Gebäudeblöcken erkennbar als Arbeiterviertel erbaut worden. Heute kommt es mir luxuriös vor, erstrebenswert, dort leben zu dürfen. Im selben Atemzug auch unerschwinglich — seufz…

Wann dereinst? Natürlich «unter Mussolini». Generell ein Segen, dass auf Rom anscheinend keine Bomben abgeworfen wurden. Wissen zu können, wann man aufhören muss, ist nicht bloß in der Malerei und Bildhauerei und generell in der Kunst die wichtigste Fähigkeit, die es auszuprägen gilt.

Eine Pinie in der Straße zu haben — wer weiß, wie alt —, ist wie ein halber Teelöffel Ketchup in der Bloody Mary. Der verändert auch etwas zum Guten. Niemand könnte genau sagen, was genau. Aber er tut es.

Und sie eben auch.

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