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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

30.09.

Als wir aus dem Rheinland heimkehrten, war die Linde vor dem Balkon quittenfarben anzusehen.

In Düsseldorf hatte mich Thomas mit einem Acetat überrascht, einer veritablen Dubplate des Killertracks der Nachdenklichen Wehrpflichtigen im Edit von Hans Nieswandt. Im Metall bleiben unsere Stimmen auf ewig jung, konserviert.

Vor dem Landtagsgebäude plätscherte ein Brunnen, geformt wie Treppen aus Stahl und Glas. Eine Skulptur von Heinz Mack aus dem Jahr 1991. Wie überhaupt der gesamte sogenannte Medienhafen aus einer Zeit zu stammen schien, die nun, dieses Mal aber wirklich, versprochen, vorüber schien.

Es war unbotmäßig warm. Eigentlich also erfreulich. In anderen Jahren, beispielsweise 1991, hätte man sich jetzt schon durch Regen ans Ziel kämpfen müssen.

Nach der Lesung im „Bösen Chinesen“ mit Friederike, Klara, Hartmut und Roland. Ein Abend so gesellig wie lang schon nicht mehr. Dass die Backstreet Boys in town waren, und das auch für sechs oder sieben tage in Folge, verlieh dem Ganzen erst seine final postmoderne Würze.

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25.09.

Nachdem mein Bruder sich neulich bei F über den Zustand meiner Zahnbürste beschwert hatte — Beteuerung meinerseits, es handelte sich um ein Modell mit seidenweichen Borsten, dass mir von meiner Zahnärztin ans Herz gelegt worden war, ließ er verhallen —, griff ich im Supermarkt gestern bei einer anscheinend baugleichen Ausführung der sogenannten Eigenmarke zu, die mit Borsten von der Sorte Mittelhart ausgezeichnet war.

Schon am selben Abend reute mich der Kauf. Zwar zeigten sich die Borsten (spricht man da, in Zahnbürstenbinderkreisen womöglich, von der Beborstung?) wie versprochen widerständig im Vergleich zu meinem Erfolgsmodell, doch lag die Bürste auf eine spürbare Weise anders in der Hand. Gerade so, als ob man, der Hersteller der Eigenmarke also, mir intuitiv dadurch zu verstehen geben wollte, mich daran zu erinnern bei jedem Mal, dass ich nun nicht mehr mit dem Marktführer meine Zähne putzte, sondern mit dem Kopisten.

Auch die nähere Betrachtung der Machart meiner Bürste verbietet sich aus diesem Grund. Alles daran weist mich mit Bühnenflüstern darauf hin, das nichts daran dem Original gleich kommt; allenfalls soll.

Ein einziger Vorwurf in griffiger Gestalt, um hier einmal ausnahmsweise Wolfgang Herrndorf zu paraphrasieren.

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21.09.

In der Prignitz lese ich natürlich und passenderweise in den Aufzeichnungen Peter Rühmkorfs aus dem Jahr meiner Geburt. Verblüffend frisch wirken die über 50 Jahre alten Beobachtungen. Hamburg war dem Flecken, in dem ich aufgewachsen bin, einfach Jahrzehnte voraus (ca drei).

Sein Lebensstil allerdings, Rühmkorfs, wirkt mittlerweile muffig. Geradezu antiquiert. Als dann in einem Eintrag von einem „morgens um vier“ aus der Wand brechenden, da nicht genügend befestigten Bücherregal berichtet wird, ging mir in Folge auch auf, woran mich Rühmkorfs Wunschgedankengänge strukturell erinnert hatten. Bei den Aufräumarbeiten auf der Bücherschutthalde findet die von ihm als „Frau Räumkorf“ bezeichnete einen verloren geglaubten Brief von Arno Schmidt aus Rühmkorfs Zeit als Lektor wieder.

Und von den Gedanken und Aussprüchen der Erzählten in Schmidts Texten kannte ich die nachmittäglichen Kreis- und Suchbewegungen wieder, die Peter Rühmkorfs Berichte durchziehen.

Etwa wenn er, als Nachhilfelehrer, ein Verhältnis mit einer Minderjährigen anfängt. Aber auch die ständigen Krankheitszustände, der Mangel, auch venerische darunter, der Suff, dauernd Schnäpse, die Hypochondrie.

Aber man muss sich schon Abbildungen aus Westdeutschland in den siebziger Jahren vorhalten, am besten auch Filme, um den zeitlichen Abstand einschätzen zu können. Derart frisch „von der Leber“ wirkt das Erzählte.

Gut möglich, ziemlich wahrscheinlich sogar, dass auch heute noch manche so denken und leben wie er. Bei der Heimkunft dann Wahlabend. Rekordergebnis für PdL. Strammer Zuwachs für die anderen mit großem A. Es ist nun noch peinlicher geworden, in dieser Stadt zu leben. Aus ihr zu kommen, wie es heißt. Wahrscheinlich war das der Fehler meines Lebens: Jemals aus Hamburg wegzuziehen.

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19.09.

Hier in der Prignitz wohnen wir bei einem Typen, der eine unfassbare Geschichte zu erzählen hat. Als er das Gehöft vor vierzig Jahren bezogen hat, lebten hier in der Scheune nur welche, die sogenanntes Berlinverbot hatten.

Anscheinend war das damals eine Strafe für bestimmte Vergehen. Man musste weg aus der Hauptstadt der DDR. Übrigens auf Nimmerwiedersehen. Angeblich bekam man auch einen speziellen Ausweis, mit dem man sich „nicht einmal mehr Fahrkarten kaufen konnte“.

Hier in der Prignitz, wo heute noch keine Hochspannungsleitung den Blick in die Weite stört, lebte man als Verbannter.

Würde mich gerne mit einem unterhalten, der damals aus Berlin verbannt worden war.

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18.09.

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Frau, die neben mir auf dem Bürgersteig einherging, weinte. Als ich mich ihr zuwandte, sah ich ihre Wangen von Tränen überströmt.

Sie war jünger als ich, in Sportzeugs gekleidet, kam wohl vom Laufen, sie wirkte vermögend. Auf meine Frage, ob ich ihr behilflich sein könnte, brachte sie zusammenhanglos wirkende Sätze heraus. Ich bat sie, in einem Hauseingang auf den Treppenstufen Platz zu nehmen. Ihr Puls ging regelmäßig. Etwas zu schnell.

Offenbar war ihr ein ausscherender Radfahrer entgegengekommen, gestürzt, hatte sich im Sturz überschlagen und mit dem Hinterrad seines Fahrrades ihre Schulter getroffen.

Nach einiger Zeit kam auch der Radfahrer zur Unfallstelle zurück. Auch er schien verletzt. Trug keinen Helm. Als er seine Entschuldigung vorbrachte, schaute er die in Mitleidenschaft gezogene Frau nicht an.

An einer Straßenecke gingen wir alle drei unserer Wege. Jeder seines.

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