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2024: AN DER BASSENA

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem wechselnden Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «An der Bassena». Tagebucheinträge aus den Jahren 2021, 2022 und aus dem vergangenen 2023 sind hier auf der Seite archiviert; die aus allen vorangegangenen finden sich bei waahr.de

12.06.

Mit Alexander ins Hinterland von Eberswalde. Wo die Leute, man glaubt es kaum, in ihren Vorgärten die AfD-Flagge gehisst hatten. Die Zeit der Heuchler ist vorbei (und ihrer Tyrannei): Der Osten ist blau.

Ein nicht unbedingt neues, ein anderes Selbstbewusstsein ist den Entgegenkommenden anzumerken. Eine Frau im selben Alter, sie trägt die für diese Gegend typische Lederjacke, schlägt mir ihren Unterarm in die Nieren. Beiläufig. Im Vorübergehen. Einfach so.

Jetzt muss sich keiner mehr zusammenreissen. Anything goes.

Vom Oberdeck des Schiffshebewerks geht der Blick weit über das Oderbruch. Die unter anderen von den Gebrüdern Brett besungene Landschaft ist vor allem flach. Und wie in einem Gemälde der Gebrüder Breughel meine ich vereinzelt zarte Rauchsäulen in ihrem Aufsteigen begriffen zu erkennen aus den zierlichen Schloten der mit Oderbruchgrashalmbündeln gedeckten Hütten, die es freilich selbst hier schon längst nicht mehr gibt.

Das Oderbruch galt früher in Ostberlin als mystischer Kraftquell der schöpferisch Tätigen. Judith Herrmann zog sich hierher zurück. Das LSD-Kollektiv, Tacheles, Bert Neumann. Frank Castorf hat hier Medea gedreht.

All diese Namen sind schon beinahe unleserlich geworden, verweht. Jetzt, in einem Hermann Lenz Sinne: ist eine Neue Zeit.

Im Regensturm grüßen mich Postboten — Wir sind gleich.

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10.06.

Die Aussegnungshalle ist eine Nurdachkonstruktion aus Sichtbeton und getöntem Glas. Von meinem Platz in der ersten Reihe konnte ich hinter dem Bild meines Vaters, das auf einer kleinen Staffelei aufgestellt war, Bienen sehen, die im Sonnenlicht um die Douglasien schwärmten. Und weiter unten badeten Hühner im Sand. Das ewige Leben der Namenlosen.

Heimfahrt durch die mohnroten Felder Thüringens.

Kaum drei Tage weg gewesen und das Heim wirkt doch verändert auf mich. Hier gehöre ich hin, ihm an et cetera.

Anderntags die sonntäglich gelaunten Berliner mit ihren Kindern und den Fahrrädern unter den Linden, wie sie sich «Viel Erfolg» wünschen auf dem Weg ins Wahllokal (meistens Schulen). Die letzte Urne hat keinen Schlitz.

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05.06.

In jener Woche bevor mein Vater starb, als es noch sonnig war aber auch damals schon mit viel Wind, ging ich am Ufer des Karpfenteichs entlang, als ich kurz vor dem Knick ein mir vertrautes Quieken und Zwitschern aus vielen kleinen Kehlen vernahm.

Tatsächlich wohnte dort, ich kann es nicht anders sagen, in einem Loch im Stamm einer Weide, die im vergangenen Herbst vom Sturm gespalten worden war, ein Schärflein junger Meisen. Die Eltern waren ausgeflogen, die Kleinen beherrschten diese Kunstfertigkeit noch nicht, und bald erkannte ich jetzt auch den Buntspecht, Dendrocopos major, der mit seiner dunklen Schnabelröhre und der heiter roten Kappe angetan sich daran machen wollte, die kaum beflaumten Schlingel aus ihrem weichen Loch zu zerren. Eins nach dem anderen.

Dem schauderhaften Schauspiel war ich ein paar Jahre zuvor schon einmal zeugenhaft gemacht worden. Damals noch im Frankfurt, im Stadtwald hinter Sachsenhausen; wir hatten Waldmeister sammeln wollen.

Die Eltern, es waren Blaumeisen gewesen, waren da noch wie Wespen wild um den ihren Nachwuchs wegpflückenden Grünspecht, Picus major, umher geflattert und dabei versucht, ihn, den vier-, nein fünfmal massigeren Vogel mit den winzigen Schnäbeln zu attackieren.

Doch half es alles nichts. Eins nach dem anderen, in stiller Überlegenheit holte der große Grüne mit seinem schwarzen Schuh die zarten Meisenküken aus ihrer Rindenstube. Wie Popel.

Und damit, mit diesem Vorwissen, dazu geprägt davon, wandte ich mich an jenem Vormittag auch ab von der Szene am Ufer des Karpfenteichs. Ich griff nicht ein. Hielt die Apparatur des Lebens nicht auf.

Weil auch der Tod sich ja ernähren muss.

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04.06.

Tod ist universell. Allgegenwärtig. Deshalb kann einem Trost von überall her zuwachsen. Auch von denen, von denen mam ihn nicht erwarten dürfte. Selbst an Orten, die für eine Tröstung nicht eingerichtet worden sind.

Gestern abend also, in der Boutique «High Snobiety» mit Bastian und Ramy. Äußerer Anlass war die Feier eines neuartigen Turnschuhs von Versace. Innerhalb unseres kleinen Kreises ging es um den Verlust unserer Elternteile so far. Laute Musik, laut auch der Ton des Gespräches, obzwar dessen Inhalt ja einer das Gefühl betreffender war. DJane beinahe nackt. Im Hintergrund ein stattlicher Berg aus rötlichem Dreck, aus Erde, die auf den spiegelnden Boden der Verkaufsfläche aufgeschüttet worden war, um eine archäologische Situation aus der nahen Zukunft darzustellen, in der dieser Turnschuh in question bei Grabungen im Erdreich nach uns entdeckt worden war.

Dazu wurden freilich Naturweine ausgeschenkt, Erdbeeraromen, trüb.

Auf dem Heimweg liefen wir beinahe Claudius in die Arme, der plötzlich ganz nahe, entgegenkommend, aufgetaucht war, rauchend. Kurzes, herzliches Hallo.

Im Abendlicht durch Prenzlauer Berg. Die Leute, viele sehr viel jünger als ich, saßen draußen vor den Kneipen auf dem Trottoir, bei Aperol und Bier.

Viele von ihnen hatten noch sehr viel mehr Zeit um zu leben, als ich, vor sich.

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01.06.

Noch immer weiß ich nicht, um wen wir trauern, wenn wir trauern. Am offenen Grab: Ist es der, der uns fehlen wird, dessen Lücke, die er hinterlässt, ihn vollkommen ersetzen wird? Sind es wir selbst. Ich in dem Fall, Du?

Letzteres, glaube ich. Davon zeugen doch die schönen Skulpturen, der nachdenklichen Engel oder die unbeflügelten Frauen (nie sind es Männer!), die auf den Friedhöfen, die es wert sind, besucht zu werden als Parks, Moos ansetzen.

Manchmal denke ich, dass ich in meinem Leben mehr getrauert habe als das Gegenteil davon. Ich kenne das Gegenteil übrigens nicht!

Heute früh fiel mir ein, ging mir auf, dass es vielleicht ja das einzige war, dass ich gelernt habe in meinem Leben so far (vom Degree in Streetology abgesehen): Dass ich nicht allen helfen kann. Dass es einfach nicht geht. Gar nicht vom Kräftehaushalt her, der ja, wie Beuys es ausdrücken wollte: ernährt, sondern weil es auch hoffnungsarme Fälle gibt. Solche vielleicht, die es noch nicht einsehen können, dass Trauer ein Prozess ist. Die sich weigern. Die der sanften Gewalt, die Kafka mit der Strafkolonie so unnachahmlich beschrieben hat, gerne ausweichen würden. Doch der Filzzapfen naht.

Und die Belohnung steht aus, sie wird kommen. Ebenso garantiert. Ein neuer Mensch bist Du.

Dann wirst Du Will Oldham hören können, ganz ruhig, in Frieden. I Can See A Darkness wird keine Aufforderung mehr sein, bloß noch Melodie. Ein Lied.

All dies hätte ich meiner Mutter gern erzählt, aber sie ist in Denial. A Denial, A Denial! Wie im April 1994. Als ich ihr kleiner Junge war.

Strange Days indeed

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