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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

19.10.

Die Bilder aus Paris, die beschmierten und zertrümmerten Schaufenster bei Louis Vuitton und Céline, die explodierenden Akkus der Leihroller, die durch die regenschwarzen Straßen wie flüchtend umherkurvenden Einsatzwagen der Polizei erinnern mich an das Szenario von Wir Maschine. Die F.A.Z. zeigt freilich das brennende Rathaus von Limoges.

Der Text der Frankreichkorrespondentin Michaela Wiegel in der Zeitung liest sich wie ein Exposé zur Verfilmung früher Popliteratur: „Die Akkus der Elektroräder explodieren und verursachen kleine Feuerbälle, was die Unruhestifter johlend filmen.“

Bloß, dass es damals halt weder Elektroräder noch Portables mit Videofunktion gab.

„Das Ziel, in die ‚Stätten der Macht‘ einzudringen, war in den sozialen Netzwerken von Gruppen verbreitet worden, die sich auf die Gelbwesten-Bewegung beriefen.“

Die neunziger Jahre sind hiermit endgültig vorbei.

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16.10.

Gestern noch schaute ich versonnen auf das Dach gegenüber, als dort plötzlich eine ziegelfarbene Form über die Ziegel huschte. Talwärts. Der Rinne entgegen und von da aus in die Krone des Walnussbaums.

Heute selbst wie so ein Eichhörnchen aus der Bibliothek mit einem veribalen Brick — und auch noch Erstausgabe! Mint condition. Könnte ich mir für den Privatbesitz gar nicht leisten — den ich nach Haus, in meinen Bau abtransportierte.

Die Gefühlswelt des Eichhörnchen freilich profan.

Der Winter darf kommen. Noch immer sind die schönen Tage. Aber früh dunkel. Und morgens lesen bei Kerzenschein.

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15.10.

Mütter erkennt man an ihren Grimassen. Auch in der Unterhaltung mit anderen Erwachsenen bedienen sie sich unbewusst aus diesem Repertoire.

Die Déformation maternelle ist auch an den Kindergärtner:innen zu beobachten. Beispielsweise nagte heute eine von Ihnen wie ein A- oder B-Hörnchen an ihrem Zeigefinger, der wohl eine sich selbst raspelnde Möhre symbolisieren sollte. Das Ganze diente ihr zur Darstellung eines erfolglosen Nachdenkens (sie war von einer alten Spaziergängerin auf einen Vornamen angesprochen worden).

Ich dachte noch darüber nach als die Frau auf der Caféterrasse längst ihre Brust unter dem hochgeschobenen Fair-Isle-Pulli entblößt hatte, um ihren Säugling anzulegen. Die Brustspitze, die einen Augenblick lang sichbar geblieben war, in der Frische des frühen Lichts dunkel, zusammengezogen.

Tau auf den Wiesen.

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12.10.

Nachts lassen sich Wasservögel hören, die in großen Schwärmen gen Süden fliegen. Das Krächzen wird durch die Wolkendecke gedämpft, die über die Welt gebreitet schwebt.

Und über den Gänsen das Funkeln des Weltalls. Wie ich es zuletzt in der Prignitz sah, als ich dort nachts das Backhaus verließ.

Im Radio unterbricht der DJ die Musik, um live from Paris über die Schülerkrawalle zu sprechen. Die Ansprache an ein schweigendes Publikum dauert beinahe so lang wie ansonsten sein Musikprogramm.

Das ist bei ihm schon einmal vorgekommen. Damals, nach dem 07. Oktober. Er allein und sein Mikrofon. Ich allein und mein Lautsprecher. Die Gänse, die Sterne und ich.

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08.10.

Es hat angefangen zu regnen. Wie es ausschaut, für eine größere Anzahl von Tagen. Mit den ersten Tropfen, die ich auf dem Trottoir fand, war die Erinnerung an den Sommer schon beinahe ausgelöscht. Mit der Übermacht jener Zeit, die nun vor mir liegt.

Gestern im Verlauf eines langen Nachmittages und im Umkreis von nur vier U-Bahn-Stationen mit allem konfrontiert worden, was diese Stadt an kontrastierenden Milieus zu bieten hat — ob freiwillig, gar gerne, sei, zumindest rhetorisch: dahingestellt, wie es heißt.

Von der Bar in einer Galerie mit japanischer Keramik hatte ich einen guten Blick auf die Monkey-Dust-Scene der Kurfürstenstrasse. Paar Meter die Straße hinauf wurde die Folge einer Soap Opera gedreht mit dem üblichen Aufwand. Direkt vor mir vegetierten die aus Rumänien importierten Opfer auf alten Matratzen direkt vor dem Neubau, der von Niklas Maak einst als Trompete des Wandels und heilsamem Arthurshieb der Gentrifizierung gegen das seit den Tagen von Christiane F. tradierte Elend auf dieser Straße gefeiert wurde.

Long sentence cut short to the story: Es ist nichts draus geworden. Nur noch schlimmer. Und anscheinend kann man ja, ich kenne es bestens aus Frankfurt, nichts dagegen tun.

Darauf dann Mitte, ehemalige Mohrenstraße — I’m a slow learner, sorry for that — in Jens Spahn’s Lieblingschinesen, der sich ggü Frau Merkels Lieblingsdöner befindet. Schmeckte übrigens nicht so gut wie in Frau Merkels Lieblingschinesen, in dem ich neulich auch war, und war auch teurer.

Alles in allem also ein recht stimmiges Abbild für die gegenwärtige CDU.

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