2025: GOSSIP GIRL
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
31.12.
Beinahe kinderhandtellergroße Flocken heute nach Sonnenaufgang. Dichtes Treiben. Als ich gegen neun zum Supermarkt aufbrach, machte die ansehnlich gewordene Schicht ihre typischen Geräusche unter meinen Sohlen. In den Seitenstraßen standen die Hausbesitzer beisammen mit ihren Schaufeln und hielten Besprechungen. Die Wirklichkeit des Schneiens hatte sie zueinander geführt.
We create abstracted models of reality that we inhabit as if they were real, schreibt Jack Self. Und weiter: Fear of death has been replaced with fear of life (just 1 in 20 people over the age of 70 suffer from anxiety. Amongst those under 30, that figure is more than one third).
Im Supermarkt ist die Kassiererin mit der Gesichtslähmung wieder die, die jede einzelne Kundin mit Freundlichkeit beschenkt. Nicht weil sie soll, nur weil sie will. Eine mit Rollator weist sie darauf hin, dass sie zukünftig, also im nächsten Jahr, die Waren nicht mehr in dem der Gehhilfe eingebauten Korb zur Kasse transportieren sollte „wobei ich mir dessen bewusst bin, dass ich, sollte ich Ihr Alter erreichen, vor den selben Problemen stehen werde, wie heute Sie.“
Die Kundin daraufhin: Ja, wollen Sie denn überhaupt 80 werden?
Die Kassiererin: Ich will sogar hundert werden.
Mehr oder weniger zwangsläufig handeln meine kinderhandtellerförmigen Gedanken vom Tod.
27.12.
Als ich heute früh durch die Haustür ins Freie trat, war es derart glatt, aber nicht spiegelnd, dass ich kaum vorwärts kam. Eine Straßenecke weiter überlegte ich sogar, wieder umzukehren. Es ging mir viel zu langsam voran. Niemand hatte gestreut. Es dauerte bestimmt dreimal länger als üblich, bis ich endlich die Einkaufswelt erreicht hatte.
Hier sah ich nun auch andere, die mit dem Eisbelag kämpften. Eine asiatisch wirkende Frau, die mir entgegenglitt, fiel kurz vor dem Erreichen eines Handlaufs um. Meine ausgestreckte Hand wollte sie nicht gern ergreifen.
Auf der Verkehrsader brummte ein orangefarbendes Streumobil der Stadtreinigung vorüber. Aus seiner Schütte wirbelten grellblaue Salzpellets auf die Fahrbahn. Um die Fussgänger kümmerte sich von offizieller Seite anscheinend niemand.
Mit ihren Versuchen, sich auf dem Eisbelag so behutsam wie fortschreitend zu bewegen, folgten die Menschen um mich herum einer seltenen Choreographie. Hätte ich den Ablick in Zeitlupe aufgenommen, wäre vermutlich ein großartiger Film entstanden, wie so oft, wenn es zur Abwechslung ums Ganze geht. Aber ich selbst war ja auch viel zu beschäftigt damit, zu überleben.
Noch hatte sich um mich herum nicht „jede mir bekannte Form der Realität aufgelöst“, lediglich die der Fortbewegung zu Fuß. Alexander Kluge schreibt heute im Feuilleton über Hinrich von Haaren, der eine Zerstörung des Realitätsgefühls, „dass uns umgibt wie ein Kokon“, in seinem Roman Wildnis beschreibt.
25.12.
Abends in Sentimental Value (ich verstehe nicht, warum der Titel ins Englische übersetzt wurde), der mir weit weniger eindrucksvoll erscheinen sollte, als es mir in den vielen Rezensionen prophezeit worden war. Aber es gibt eine wunderschöne Szene mit lampionfarbenden Sonnenschirmen an nächtlichem Strand.
Während des Films aber geschah etwas seltsames. Ich bemerkte, dass ich unwillkürlich jeden Dialog ins Dänische zu übersetzen versuchte. Und nicht bloß die Sprechzeilen, auch die Handlungsbeschreibungen lieferte ich mir auf Dänisch mit. Beispielsweise, als jemand anklopfte, dachte ich, dass sie „på døren bankerd“ et cetera.
Da Dänisch auf Duolingo nur als englischsprachiger Kurs angeboten wurde, habe ich mich im vergangenen halben Jahr intensiv und jeden Tag in einer Art innerlichem Dreiländereck bewegt.
Dazu kamen noch verschärfend die zahlreichen Homophone der neuen Sprache, die mich an Worte in Sprachen gemahnten, die ich schon beherrschte. So zum Beispiel ikke, das nicht bedeutet, aber hier in Berlin alle naslang als ich verwendet wird. Oder jeg, dass ich bedeutet und mich vom Schriftbild an das je im Französischen erinnert, weswegen ich es immer wieder falsch ausspreche.
Das andauernde Hin- und Herübersetzen kenne ich freilich, in milder Form, schon seit jeher durch den Dialekt. Aber im Film von Joachim Trier, der ja eher Norweger ist, sprühten jetzt Funken.
23.12.
Die Schlange vor dem Käseladen im Souterrain war um kurz vor 15:30 noch zehn Meter lang. In der Straßenbahn geht es um Rezepte. Ich empfinde diese Stunden als auf besonders angenehme Weise herausgehoben aus dem Jahresgeschehen. Wohl auch, weil ich weiß, wie still es bald geworden sein wird.
Nachdem ich lange Zeit noch gehadert habe, ob ich das Tagebuch des kommenden Jahres mit „Meine Fresse“ betiteln sollte, heißt es nun „Pablo“. Judith hat eine sehr schöne Illustration angefertigt. Von ihm, Pablo, dem kleinen Kater, der sich bloß in warmen Abendstunden zur Verfügung stellt.
In Ludwigsburg, am Wochenende, hatte es auf dem Weihnachtsmarkt einen, selbst bratwursthaft gebräunt, in kurzen Hosen. Die Sonne schien, der Himmel war blau. Die Würste werden auch immer länger.
Vor dem Schloss las ich auf einem Schild, bei dieser Allee, an deren Rand ich es aufgestellt fand, handelte es sich um „eine botanische Machtdemonstration“.
2026, Jahr des Feuerpferdes. Year of Pablo. On verra
Vi ses, Skat!
20.12.
Christoph Narholz, dessen Erzählungen ich bislang noch nicht gelesen habe, zeigt jetzt auf Instagram ausgewählte Seiten aus seinen Tagebüchern. Anfänglich in Beiträgen, die jeweils die Abbildung eines von ihm handschriftlich niedergelegten Eintrags zeigten, darunter, in dem für Bildunterschriften vorgesehen Textfeld, die Übertragung in Maschinenschrift. Ich mochte die Handschrift nicht.
Mittlerweile zeigt er in den Storys seines Accounts jeden Tag ein Transkript und lässt die Faksimile-Optik weg, unterlegt aber die Textfelder mit einem Raster, um abermals eine Atmosphäre der Literaturwissenschaftlichket zu erzeugen. Da frage ich mich, mit Walter Kempowski in Anbetracht seiner von Marianne ihm vorenthaltenen Vanillesoße: Was soll das!
Beim Blutspenden in einer leidlich dekorierten Kemenate der Blutbank Mitte wird mir die Kanüle von einer Frau gesetzt, die tatsächlich nur die Worte rechts und links kennt. Das fällt mir aber erst auf, als sie meine Ausführungen die längste Zeit nur schweigend und mit gütigem Lächeln hingenommen hat. An einem Punkt meiner Rede wirkte diese freundliche Miene dann seltsam deplatziert, zunächst dachte ich, sie könnte womöglich gehörlos sein. Dann aber fiel es mir ein: sprachlos könnte die noch naheliegendere Alternative sein.
Ich im Juni im Refaktorium mit den Dänen. Aber selbst das konnte ich der Sprachlosen nicht erzählen wie zum Trost (den sie ja gar nicht benötigte, dafür ich?)
Die Blutbank selbst befindet sich im Einkaufszentrum Alexa. Als ich dort auf die weiten Flure trat, war ich allein. Nur im ersten Stockwerk, ich sah das von sehr, sehr weit oben, hielt sich eine winzige Gestalt über das Zahlenfeld eines Geldautomaten gebeugt. In der anderen Hand das winzige Light panel des Telefons, von dem die Sicherheitsnummer abgelesen wurde. In meiner Hand das Licht, um all das zu fotografieren. Und damit aufzubewahren für eine andere Zeit.