2025: GOSSIP GIRL
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
03.12.
Mit einem Mal, weder schlagartig oder plötzlich, sondern: einfach so hielt ich die Türklinke an und für sich in der Hand. Als Dingi sozusagen. Losgelöst von ihrem großen, schweren Mutterschiff, der Tür.
Der gesamte Schließapparat hatte sich vor mir entblättert. Wahrscheinlich gilt hier Ermüdungsbruch, beziehungsweise: lag er vor. Die Befestigungen aus dem Material gerissen. Bei genauem Hinsehen war die Ursache, wie so oft in Ostberlin, Pfusch.
Das sogenannte Leben selbst erteilte mir nun eine Lehrstunde, was bei Martin Heidegger gemeint war mit dem Zuhandensein der Türe vermittels ihrer Klinke. Ohne diese an der rechten Stelle nämlich versah die Tür ja nach wie vor ihren Dienst als individuell regulierbarer Widerstand, den anderen, die Welt womöglich, außen vor zu halten, bloss war dieser Andere jetzt, mit besagtem einen Male, ich.
Da mir das Ganze vor dem Verlassen des Badezimmers zugefallen war, bot mir die Tür nun Widerstand zurück in den Rest meiner heimischen Welt zu gelangen. Sie, diese Welt, die mir bis vor kurzem noch zu eigen gewesen war, fand ich nun geschrumpft auf den einen Raum vor, den das Badezimmer mir bieten konnte.
Schon spürte ich dabei auch ein Wollen, fürchtete es beinahe. Als ob, durch das Unzuhandensein der Türe, nun auch die übrigen Teile meiner Wohnwelt sich gegen mich würden wenden können. Klüfte und Spalten im Mosaik der Fliesen unter meinen Füßen. Wie in Roald Dahls hochflorigem Kinderzimmerschlangenmusterteppich würde ich verschlungen.
Eine Sozialpädagogin in den Vereinigten Staaten tourt durch die Schulen und versucht bei den Jugendlichen mehr Respekt vor Haftstrafen zu erzeugen. Sie sagt „Wenn ihr herausfinden wollt, wie es ist, in einem Gefängnis zu leben, schließt euch einfach mal acht Stunden lang in eurem Badezimmer ein.
30.11.
Gestern wurde zur Stelle eines Unfalls gerufen. Eine ältere Person, sehr massig, war mitsamt ihrem Rollator ausgeglitten. Aus der liegenden Position heraus war es ihr noch gelungen, ihre Gehhilfe aufzurichten, nicht jedoch sich selbst. Weit und breit war niemand zu sehen.
Meine Versuche, der Liegenden unter die Arme zu greifen, sie dadurch in eine sitzende Position aufrichten zu können, scheiterten. Der Körper war zu massig. Vielleicht auch zu schwer aber in jedem Fall viel zu umfangreich, dass ich die nach allen Seiten zugleich expandierenden Last in eine kompakte Form bringen könnte. Die Person selbst war bei Bewusstsein aber nicht ansprechbar.
In, wie es mir im Nachhinein scheint, vollkommener Stille, rangen wir so miteinander während einer langen Zeit.
Als endlich Hilfe kam, registrierte ich, dass es am Ende fünf Helfern bedurfte, um die Person wieder auf ihre Beine zu stellen und mit ihrem Rollator in Verbindung zu bringen. Das Gefühl, versagt zu haben, weil ich um Hilfe gerufen hatte, blieb dennoch an mir.
Abends auf einer persischen Weihnachtsfeier, die vorgezogen worden war vom 20. August — wundervoll!
26.11.
Als ich, nach einem langen, erholsamen Wochenende in Leipzig, am Apple Store eintraf, lief drinnen schon die Playlist mit saisonalen Liedern und als ich eintrat, schwebte In the Bleak Midwinter hernieder ins Weiß.
Die Lebensgeschichte von Christina Rossetti rührt an. Wie mich ja beinahe jede Lebensgeschichte aus Viktorianischer Zeit anzurühren fertig bringt. Und zu dem Lied selbst fiel mir gleich wieder ein, dass mir an der von Jarvis Cocker gesungenen Version gefällt, dass er dort in einer Winzigkeit von Rossettis Text abweicht, um mit seinem Edit ihr Gedicht noch stärker auf mich wirken zu lassen:
Snow on snow on — snow
Alles an dieser Winzigkeit ist groß.
20.11.
In Rostock selbst dann eine Leere, derart spezifisch und dennoch kann ich mich auch nach der xsten oder zigsten Kleinstadt in Ostdeutschland noch immer nicht an deren Eigenheiten gewöhnen. Roland Barthes könnte an dieser Leere, der Leblosigkeit in den sterilen Gassen und Passagen, womöglich noch etwas strukturell Poetisches empfinden wie einst im Angesicht der Leere im Zentrum von Kyoto. Ausgestorben sind sie ja nicht. Die Einwohnerzahlen sind da. Aber sie lassen sich nicht blicken. Den Gedanken an Hinterhältigkeit werde ich wohl nicht los.
Abermals sind es zudem meine Vorstellungen, die ich vor Ort enttäuscht finde. Einmal hat mir ein Sohn der Bankfrau erzählt, dass seine Eltern in meiner Abwesenheit sich darüber lustig machen, dass ich „immer so große Träume“ hätte. Das stimmt absolut.
Die Geister, die Walter Kempowski noch beschwören konnte, sind aus Rostock jetzt erfolgreich vertrieben. Als eine Straßenbahn neben mir hält auf menschenleerer Straße, zeigt ihre Zieltafel leuchtend die Buchstabenfolge Lichtenhagen an. Sagt mir freilich noch was.
Im Zug heimwärts unterhalten sich zwei Männer über ein tschechisches Modell einer Katzentoilette, deren Hersteller wohl Tesla heisst. Dieser Umstand allein erscheint beiden nun beinahe interessanter zu sein, als das Wesen ihrer Tiere, über die sie Reden wie Teile der Möblierung ihrer Wohnungen.
Die Katzentoilette, mit diesem Feature versucht der eine den anderen zu einer Kaufentscheidung zu bewegen, wiegt die Katze vor und nach dem Verlassen des automatisierten Häuschens. Je nach dem, wie hoch der Gewichtsverlust ausfällt, bemisst sie den daraufhin selbsttätig durchgeführten Reinigungsvorgang des Katzenstreugranulates. Mithilfe dieses Katzenklos von Tesla sei es ihm mittlerweile möglich, die Betriebskosten für die Katze um einen erheblichen Teil abzusenken. Um wieviel genau, habe ich nicht mitbekommen, da eine Fahrkartenkontrolle meine Aufmerksamkeit absorbierte.
Fahrkartenkontrolle, wie immer in Brandenburg — oder war es noch Mecklenburg-Vorpommern? — mit den Augen; die können dort QR-Codes ohne Hilfsmittel lesen. Insgesamr also eine Reise, auf der mir die Assymetrie des Fortschritts auf vielfältige Weise nähergebracht wurde.