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2025: GOSSIP GIRL

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

17.12.

Rosa von Praunheim ist verstorben. Warum berührt mich das? Auch: derart?

Schwul zu sein, das war, als ich Heranwachsender war, eine Entscheidung zum Leben im Untergrund. Im Nachhinein betrachtet empfand man sich als gleichgestellt. Womöglich war es vor allem das Nachtleben, von dem beschirmt, man sich als Gleichgestellte begegnen konnte.

Jetzt noch im Frühling die Anekdote im Café des Maître Münch mit Sebastian. Selbst in der Dokumentation, die sie heute anlässlich seines Todes schon parat hatten, obwohl, wirkt er ja so, als ob es noch Jahrzehnte so weitergehen dürfte. Zumindest doch eins.

Irgendwas knapp über 80. Dass er ab und an an einer Zigarette zieht, erfüllt mich mit einer Genugtuung, die ich sogleich als schäbig empfinden will.

Aber zumals denke ich: Eins mehr noch als 26 Jahre bleiben Dir wohl nicht.

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14.12.

Die Träume, die David Wojnarowicz auf Tonbändern festgehalten hat, können sich unmöglich tatsächlich so ereignet haben. Ich habe in Leipzig bei Rotor eine Ausgabe davon gefunden. Hätte ich gewusst, dass der überwiegende Teil seiner mündlich niedergelegten Tagebücher aus Traumprotokollen besteht, hätte ich es wohl sein lassen (dort). Dann aber dieser letzte Absatz aus dem Band vom Juni 1989:

And in moments like this, with the sky the way it is, just mountains and the distance, I’m sitting on the curve of the earth and watch the light slowly dissipate. A few silhouetted cactuses and a bunch of bees trying to drink some water that’s sitting in a drinking fountain. A couple of them are jerks. They fell in and drowned, but I pulled a few out that were still struggling around. A few trees, just waving slowly. It’s just a real gentle moment. I’m here by myself and I don’t mind. I kind of wish it could just stay like this for maybe a few years, or I just never moved out of this spot. I could just watch the light stay like this. And maybe somebody coming along and just putting their arms around me for a few minutes.

Kaum drei Jahre später war er gestorben. Auf dem Titelbild ist er in eine flauschig wirkende Decke von Jean Charles de Castelbajac gehüllt. Die Aufnahme ist Schwarzweiss, die Decke könnte hellblau gewesen sein oder rosa. Einen noch schöneren letzten Eintrag hat nur Derek Jarman hinterlassen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, blätterte ich in einem weiteren Bändchen, das ich aus Leipzig mitgebracht hatte. Und fand Trost bei einer mich tief berührenden Fotografie von Rei Naito, untitled, 2024, die ein sauberes Glas mit langen Riefen zeigt, in dem eine Nelke steht mit flamingofarbenden Blütenblättern. Daneben liegt eine golfballgroße Kugel aus weißem Marmor, die keinerlei Schatten wirft. Die Kugel stammt, das erfahre ich aus dem Text, aus Hiroshima.

Das wäre etwas, das ich gerne träumen würde.

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11.12.

Zwischendurch, am Samstag war das, wieder nachmittags, war ich dann auch noch Thom Yorke begegnet. Und zwar am sogenannten Stadtschloss, dem gefälschten. Auf der anderen Seite des Boulevards.

Was wollen diese Leute denn noch hier, fiel mir dazu ein. Wie immer, wenn ich jemanden, so klein und doch so groß wie Bethlehem, im Bild der Straßen dieser Stadt entdeckte—es ist doch längst vorbei. Bis ich dann aber gestern in der Zeitung las, dass Radiohead wohl ein Konzert gespielt hatten, am Samstagabend, während ich beim veganen Plätzchenbacken war.

Andererseits kam ich dann gestern auf dem Weg zur Kilopizzeria an einem Stand der anarchistischen Streuobstinitiative vorbei, der zwei Körbe voll Äpfel feilbot. Einen angeblichen Dülmener Rosenapfel und ein „unbekanntes Hochstammgewächs“. Bezahlung in eine Kasse des Vertrauens. Ich griff natürlich mit beinahe musealem Gefühl zu.

Heute früh, beim Biss in ein Exemplar des unbekannten Hochstammgewächses von irgendwoher: Ein Kindheitsapfelgeschmackserlebnis ruft Erinnerungsbilder hervor. Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.

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09.12.

Eine Reihe von Tagen, jeweils von einer eindrücklichen Begebenheit zum Glänzen gebracht und dadurch auch ununterbrochen geschmückt, wurde am Nachmittag, gestern, zum Abschluss gebracht. Mein Hass auf Berlin, es ist wirklich mehr als nur Enttäuschung oder Überdruss, wird davon für kurze Zeit zwar gemildert werden aber es ist halt auch Vorweihnachtszeit.

Auf einer Matinée in der Landesvertretung meiner Heimat kam es auf dem Podium zur Forderung nach einem Rückbau der Digitalisierung, um den politisch kaum noch erreichbaren Bürgern eine physische Erfahrung mit ihrem Staat aufzuzwingen. Das hätte ich, ausgerechnet an dieser Stelle, nicht erwartet. Das angebotene Mittagessen ausschlagend, verließ ich das Gebäude vor der Zeit, um nachdenken zu können.

Abends dann auf einer Buchvorstellung mit Caitlin Rosenthal, wo, glaube ich, auch Günther Jacob, anwesend war. Zumindest war mir dort auf dem Trottoir vor dem Verlagsgebäude jemand im Straßenbild aufgefallen, den ich, nachdem er für kurze Zeit aus meinem Blickfeld verschwunden war, im Inneren wiedersah. Auffällig ja allein durch einen beinahe bodenlangen Daunensteppmantel in leuchtendem Tangerine. Dem Anlass entsprechend gekleidet in ein Sweatshirt mit Aufdruck der Freien Stadtimkerei von Detroit. Der vermeintliche Günther Jakob trug sein Haar noch immer mit Wasserstoffperoxyd gebleicht wie im Hamburg der tiefsten neunziger Jahre, das ja, auch stilsistisch, mir ebenfalls zur Heimat fern meiner Heimat geworden war.

Ein Zahlenhistoriker behauptete im weiteren Verlauf jenes Abends, das Römische Reich sei vor allem auch deswegen untergegangen, da die Römer es nicht geschafft hatten, ihr Zahlensystem der Höheren Mathematik anzupassen.

Am darauffolgenen Abend, einer Einladung von Hedwig Richter zum weihnachtlichen Keksebacken aus veganen Teigen, fragte mich ein hochgewachsener Zoomer mit dieser entwaffenden Courtoisie, die dieser Generation eignet, ob ich mich als „zeitgenössischen Schriftsteller“ bezeichnen würde. Da ich noch lebend vor ihm stand, wusste ich beinahe nicht, was ich daraufhin als Antwort geben sollte.

Anderntags wurde dieses Thema mit einer traumhaften Leichtigkeit aufgenommen von meiner Urologin, die mir erzählte, dass sie ausser mir auch noch eine Schriftstellerin zu ihren Patienten zählen durfte. Diese jedoch, die andere, schriebe Horror-Romane, deren Handlung sie in Brandenburg ansiedelt. Konnte ich mir grundsätzlich vorstellen, wobei ich mich schon auch fragte, ob sie, also die Urologin, mir das womöglich bloss erzählt hatte, um mich von den ihre Rede untermalenden Handgriffen abzulenken. In ungefähr jenem Maße also, wie ich sie nach der Maschinerie hatte befragen wollen, die sich offenbar hinter einer Tür mit der Aufschrift „Harnstrahlmessung“ befand. Ein Conversation Peace womöglich. Uns hatte es in eine Fachsimpelei über Barrista-Waagen geleitet.

Hernach besuchte ich dann jedenfalls noch das Abendkolloquium von Theresa Präauer, wo es angeblich um ihre Gedanken zum Gehen gehen sollte, aber dann leider überhaupt nicht ging, weshalb ich vorzeitig abzog. Obwohl es draußen stark regnete. Aber lauwarm.

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04.12.

Es ist nun so kalt, dass mir draußen der Wollduft meiner Handschuhe in die Nase steigt. Aber noch immer nicht kalt genug für eine sternenklare Nacht. Der Mond treibt halbblind durch die Schleier. Manchmal lugt er daraus hervor. Wie das Auge des Gärtners, der mit der Sichel den Rasen kürzte. Damals, unter meinem Balkon.

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