2025: GOSSIP GIRL
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
07.01.
Am Tag vor dem Dreikönigstag fing es mit einmal Mal an zu schneien. Wie angekündigt vom Zeitpunkt her. Dazu noch, wie es in den Ankündigungen oder Vorhersagen bis heute leider nicht zur Sprache kommt: lautlos und sanft. Auf ihre unnachahmliche Weise schwebten die Flocken in den Abgrund des vergangenen Jahres. Wäre es nicht, bei einem allmählich selten gewordenen Ereignis wie dem Schneien, an der Zeit…
Ich hatte geschlafen. Nicht ungewöhnlich tief aber anders, auf diese eine, die unwiederbringliche Weise, in deren Gnade man nur dann gelangt, wenn man rechtzeitig vor dem Schneien sich zur Ruhe legt. Warum man dann aber besser, tiefer, anders schläft, während es in der Welt schneit, weiß ich nicht. Borges hat dazu etwas schönes geschrieben. Und der Schlafzauber überträgt sich selbst aus diesen Zeilen heraus noch auf jeden, der darin liest und lesen wird, egal in welcher Wetterzone er sich seines Lesens während befindet. Sie sind universell.
Als ich am Sonntagnachmittag erwachte, lag schon Schnee auf den Blättern des Limettenbäumchens. Freilich blieb er nicht lange liegen. Noch nicht einmal die halbe Nacht. Mein über die vergangenen Jahre traditionell gewordener Eintrag «Es schneit» musste im überwundenen 2024 beinahe entfallen. Als ich am Sonntag den Eintrag dringend nachholen wollte, wurde andernorts noch programmiert.
Meine Anfrage bei r/askhistorians, auf welchen Materialien Tacitus seine Zeilen festgehalten hat, gestellt im November 2024, ist bis heute unbeantwortet geblieben. Die Frage steht einfach bloß da.
31.12.
Um die Mittagszeit zeigte das Jahr, das von sich selbst nichts weiß, seine sonnige Seite. Schöne Baumschatten an der Fassade des Nachbargebäudes, das so leer zu stehen schien wie der Baum selbst, der auf ihm abgebildet war in Schattenfarben auf Fassadengelb. Noch vor meiner kindlich gefärbten Faszination mit Amöben rangiert bis heute die mit der Wirkung einer Neutronenbombe; vermutlich aus einer ähnlich weit zurückliegenden Zeit.
Am Vortag noch ein Ausflug nach Storkow. Man will bei den hässlichsten Straßen Berlins ja unbedingt herausfinden, es schauen, nach welcher Ortschaft in Brandenburg sie benannt wurden. Also ich will das.
In Storkow dann ein Mann, der eine Schubkarre, überhäuft mit Altglas, über die heftig befahrene Bundesstraße schob. Wahrscheinlich heimwärts. Ein Schatz.
Auf dem Marktplatz war eine handgeschnitzte Bank aus Fichtenholz aufgestellt. Die Volksbank, stand in ihre Rückenlehne eingraviert. Neben dem Schriftzug war eine kleine Tafel aus Messing an das Holz geschraubt worden, die das Zitat «Demokratie braucht Widerstand» zeigt. Zitatgeber in dem Fall offenbar Jochen Buchsteiner, ein Kolumnist der F.A.S.
Wie aber genau das Volk von Storkow an das Zitat gelangt war, beziehungsweise wie der Abstimmungsprozess zugunsten dieses doch etwas generisch anmutenden Zitats abgelaufen war, davon gab die Volksbank nichts preis.
Wie in Brandenburg usus war wieder weit und breit keine Menschenseele zu sehen, geschweige denn greifbar.
Später, da schon wieder am Alexanderplatz, Hotdogs bei Five Guys. Im Lärm- und Spaßbad. In der Fülle.
Fanta mit Kirschflavour und einem Spritzer Zitrone (Rezept von A). It was a very good year.