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2025: GOSSIP GIRL

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

17.09.

Ich holte mein Exemplar gestern dann aus der Buchdisko, wobei ich später feststellen musste, dass man mich dort womöglich angelogen hatte:

Ich hielt ja noch immer die Erste Auflage in meinen Händen. Lieferschwierigkeiten aufgrund von Problemen mit der (Nach-)Druckerei konnten also nicht wirklich die behauptete Schwierigkeit hätten bezeichnen dürfen, weshalb

…das Buch allerdings ist gefährlich,

Soghaft. Ausnahmsweise

Logtest Du

Bei den Hollænderinnen

nicht?

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16.09.

Es gibt gute Stellen bei M. John Harrison, wenn er über seine Entfremdung von der Wirklichkeit schreibt und über sein anfängliches Missverständnis, wozu er schreiben sollte. Allmählich findet er heraus, dass das, was er für Fiktion gehalten hatte, die Wirklichkeit bedeutet hatte. Und, literally, vice versa.

Trotzdem verstehe ich nicht, weshalb das Buch als Anti-Memoir bezeichnet wurde. Als ein Anti-Memoir verstehe ich einen Text, der die erinnerte Zeit auszulöschen versteht.

Heute früh, auf meinem Weg nach Mitte, begegnete ich vielen Trinkern. Allesamt Männer. Und alle, obschon der zeitigen Zeit noch wackelig auf den Lippen im Verhältnis zu den Mündungen ihrer Flaschen. Die großen Augen gläsern fragend: Ob ich das jetzt schon bringen kann?

Na sicher, weil es doch allen egal ist, was aus Dir wird. In den meisten Fälken ja eh nichts. Und so lange Du es dir leisten kannst?

Freiheit. Mehr noch, als eine Jeföhl.

Wish I was here.

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15.09.

Ich saß im Fond eines Taxis, eines von Uber beauftragten Fahrers, um hier genau zu sein, und auf dem Sitz neben mir war eine in eine transparente Folie aus Kunststoff verpackte, circa dreijährige Orchidee mit dem Sicherheitsgurt fixiert.

Wann auch immer ich meine Hand auf diese Sitzfläche, auf dem die Topfpflanze aufgestellt war, ablegte, bekam der Fahrer ein akustisches Signal mitgeteilt. Wie er mir erklärte, maß der darunterliegende Gewichtssensor jeglichen Zuwachs, auch den einer einsamen Hand, um auf den Zuwachs eines Risikos im Fall eines Aufpralles hinzuweisen. Allerdings halt so sehr verbindlich, dass man sich seiner Hinweise nicht entziehen konnte.

Auf der anderen, der Türseite meines Sitzplatzes, gab es eine kleine, beinahe halbrund gebogene Ablagefläche, auf die ich, probeweise, meine Hand ablegte. Der Wagen honorierte diesen Gemütlichkeitsvorstoß meinerseits und dimmte die eh schon schummerige Kabinenbeleuchtung noch weiter ab, wie um mich auf etwas gemeinschaftliches vorzubereiten.

Das Gefährt stammte wohl auf China. Draußen fing es in dichten Schleiern zu regnen an. Der Fahrer telefonierte, nachdem ich ihm hierfür meine Erlaubnis erteilt hatte, mit seinem Bruder, far, far away in einer andern Zeitzone über dessen anstehendes Hochzeitsfest.

Ist das also die Zukunft, fragte ich mich. Die Orchidee antwortete bis auf weiteres nicht.

Und das war erst der Anfang jener Nacht, in der dann später noch Hermeto Pasqual versterben sollte.

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08.09.

Sprache als Fluidum—blubblubblubb, oder gluckgluckgluck? Mit dieser Frage war ich gestern inmitten meiner Lektüre aufgebrochen, um mich mit Sprache zu umgeben. Mit Gesprochenem, was sich, auf eine für mich unangenehme Weise, nach Römischem anhört; Belauschen ist eine Körpertechnik, die ich sehr gut beherrsche. Plus I know a place.

Eine Paar aus jüngeren Frauen mit Renee-Frisuren, kein Paar unter sich, unterhielt sich nicht miteinander, sie tauschten Standpunkte aus. Glichen sie miteinander ab und vom gemeinsam erarbeiteten Standpunkt dann an der sogenannten Gegenwart. Eine Seelenarbeit, auch Tätigkeit der Vergewisserung („Wie bin ich? Wirklich?“), die auch die Leserinnen und Leser von Leif Randt fasziniert.

Ein Horror für die SPD. Die Arbeitenden empfinden sich selbst als fluide. Ich kenne Menschen, SPD-Wählende darunter, die vermissen an solchen Gedankengängen die Ausgewogenheit. Ihnen fehlt dort vor allem das Mittelmaß. Die blonde Renee-Frau sagte zur Dunkelhaarigen: Sie spürt in ihrer Paarbeziehung eine Gender Imbalance.

Die andere daraufhin: Männer sind besser im Entscheiden („Stefan war’s zu trocken“).

Ich hatte mir das immer anders gewünscht oder sogar vorgestellt, aber im Ausland leben könnte ich leider nicht.

Ich brauche das Sprachbad regelmässig. Wenn die Erinnerung an das Gesprochene, an die aktuelle Version des Deutschen, ausschließlich aus der Erinnerung und aus jenen der anderen kommt, aus den Büchern, genügt es meinen Ansprüchen an die Frische der Ware bald nicht.

Kosmische Allmachtsfantasien, s. Schmidt, s. Kracht, s. whoever verbieten sich leider für mich.

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07.09.

Gestern, auf der Geburtstagsfeier für Queen, in einer Wohnung, die mir, vielleicht verrückterweise, schon vor dem Betreten als jene erschienen war, in der ich mich zeit meiner Jugend selbst darin wohnend imaginiert hatte, entdeckte ich in einer der vielen „Ecken“ des riesigen Raumes das Neuroboard.

Ich musste mir nicht einmal die Schuhe ausziehen, denn es fand ja eine Barfussparty statt. Ein gleißender Strahl energetischen Erwachens durchfuhr mich ungefähr entlang jenes gedachten, vielleicht auch bloß empfundenen Meridians, der, von meinen Fußsohlen ausgehend, durch die Augen meiner Wirbel hindurch, mir bis ins Zentrum langte.

Auch ein sanftes hin- und herbalancieren auf den tausend hölzernen Spitzen, die wie jene auf der Schlagseite eines Schnitzelklopfers waren, taten mir wohl.

Wie heißt es doch so schön: Bald wieder hin!

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