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2025: GOSSIP GIRL

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Gossip Girl». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2024 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

29.08.

Meine Furcht vor meinem Tod hat sich mit dem Tod meines Vaters auf ein für mich angenehmes Maß reduziert. Ich beziffere sie auf einen Anteil von ungefähr 20 Prozent meiner Freude am Dasein. Da er nicht mehr ist, ich ihn aber mehr denn je um mich weiß, kann ich mir auch mein eigenes Fortleben vorstellen. Beispielsweise beim Fensterputzen.

Wenn ich, nach seiner Methode, die Scheiben mit vom Spiritus durchtränkten Knäueln aus Zeitungsseiten bereibe und hernach tatsächlich feststellen kann, dass sie auf diesem Wege sauberer geworden sind denn je zuvor, dann sehe ich ihn schon beinahe neben mir. Die Augen funkeln.

Und meine Mutter erzählt, dass der Zahnarzt, der jetzt selbst vom Schlag getroffen wurde und seines Handzitterns wegen nicht mehr selbst operieren kann, zu ihr gesagt hat „Ich trage ihren Mann in meinem Herzen.“

Das ewige Leben, nicht als Flamme in einer roten Hülse, aspekteweise. So wie wir auch geliebt haben. Wie andere uns erlebt haben. In ihnen geht es fort.

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26.08.

Ein Mann erklärt seinem Kind seine Policy hinsichtlich der Ferientage, die ihm zustehen. Wie er sie abwägt gegenüber seiner Ansprüche auf Gleitzeit, um «einen guten Schnitt zu machen». Das Kind tut verständig. Ich frage mich, wo es wohl weilt, in seinen Gedanken, derzeit.

Ein Mann zeigt seinem Kind eine noch nicht verheilte Wunde an der Kuppe seines Zeigefingers. Das Kind schaut. Der Mann sagt «Karton». Dann spricht er, den Blick in die unmittelbare Ferne der anderen Straßenseite gerichtet, das aus, was ihm dabei wohl an Erinnerungen an seine Eltern selig in den Sinn kommt: Altes Fleisch muss weg. Da hat das Kind natürlich fragen. Der Mann sagt: «Sagt man so.»

Meine Mutter, der ich heute früh um acht Uhr zum Geburtstag gratuliert habe («um 20 Uhr ruft man nicht an, da kommt die Tagesschau») sagt, wenn 2027/28 der Angriff Russlands auf die Bundesrepublik stattfindet, die Jahreszahl steht für sie scheinbar fest, rolls off her tongue easily, will sie sich sofort auf ihre Terrasse stellen, «um im Atomnebel zu vergehen».

Auch hier lausche ich. Sage auch etwas, aber etwas, das allenfalls Überleitung sein will. Später kommt das Thema eines Todes zum einigermaßen selbst bestimmten Zeitpunkt noch einmal auf. Dieses Mal in der Variante des Kriegsszenarios: Dass ihr der Staat eine Tablette schickt «in einem Umschlag», die sie nehmen soll, um der Allgemeinheit nicht zur Last zu fallen.

Wenn ich anderen zuhöre denke ich, ob ich im Tagebuch von den Guillemets zu den deutschen Anführungszeichen. Mein ursprünglicher Grund, die stilistische Nähe zu Virgil Abloh, ist ja nun schon seit geraumer Zeit verblichen.

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25.08.

Auf einem der großen Displays am Stiel, die am Rande der Prenzlauer Allee aufgestellt wurden, um, wie in LA Story, Warnungen und Nachrichten an die Autofahrenden mitzuteilen, entsteigt den bergenden Händen eine Drohne. Die Aufnahme wurde in Zeitlupe gemacht, was dem Abheben des leichten Gefährtes noch zusätzliche Grazilität verleiht. An ihrer Flanke ist beinahe vollflächig die Deutsche Flagge aufgeklebt. Der Mensch trägt Olive. Und dennoch erinnert mich die kleine Szene, der Loop, an das Aufsteigen einer weißen Taube.

Am Nachmittag fällt herbstliches Licht auf eine Platte mit Tomaten und Nektarinen. Aus den tiefen Schatten leuchtet Gelb und Rot. Mir ist herbstlich zumute. Seit Monaten denke ich zunehmend häufig, beinahe regelmäßig an mein Lebensende. Dieses Denken hat sich eingeschlichen. Es beansprucht seinen Raum. Wer wollte da widersprechen?

Schreiben werde ich dazu noch nichts. Die Goldene Regel, meine zumindest, lautet da: in zehn Jahren erst ist die Zeit reif.

In vier Monaten ist Weihnachten schon beinahe wieder vorbei.

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23.08.

Ein Mann, dunkel, beinahe schwarz, trainiert seinen Hund auf der letzten noch unbebauten Wiese. Er hat einen Hintergrund in der Landwirtschaft. Dass ist seinem Umgang mit dem Tier anzusehen. Er richtet sich ein Werkzeug zu.

An der Ampel denke ich während des Wartens über das Geschaute nach. Vielleicht schon über diesen Satz, da ruft mir ein über die Furt entgegen eilender zu, dass es Grün sei. Ich habe zu gehen.

Später, da schon auf der Brücke hinüber nach Weissensee, beobachte ich einen, der aus einem Betriebsgebäude tritt und sich dabei den Vogel an die Stirn tippt. Sofort bereue ich, bei dem Geschehen in der Hütte nicht dabei gewesen zu sein. Danach Blutspende.

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21.08.

Ich weiß gar nicht mehr, ob ich es an anderer Stelle schon klar genug ausgedrückt hatte, aber: Das 21. Jahrhundert fängt für mein Empfinden erst an mit dem Posting von Klaus Biesenbach auf Instagram, in dem seine vom blaustichigen Licht erfüllte Mundhöhle gezeigt wurde, dazu die Unterzeile «Full day at the dentist».

Heute früh, ich befand mich in dieser Situation, abermals on the receiving end, also in der wirksam gewordenen Wirklichkeit, fragte ich mich, ob ich dieses Hin- und Hergerissensein noch immer verspürte, weil ich noch immer nicht zu entscheiden wusste, ob ich eine Wurzelbehandlung nun als geil empfand, oder als fürchterlich.

Abermals hatte ich dafür gesorgt, dass es Frauen waren, die mich behandelten. Selbst oberhalb der Maskenkante, wo hijabhaft die Augen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden, gibt es für mich einen Unterschied.

Ich bewundere die Zahnärzte für ihr räumliches Vorstellungsvermögen, dass ihnen ihr Arbeiten auf kleinstem Raum erst erlaubt. Als junger Mann schon fand ich dazu genommen einen Cartoon von Gary Larson recht sprechend, in dem ein Mensch auf der Zahnarztliege liegend dargestellt war, in dessen weit gespreiztem Mund schon diverseste Schlürfrohre und Schläuche verankert waren, im Zuge dessen er vom hereintretenden Zahnarzt gefragt wird: «Dürfte ich Ihnen vorübergehenderweise noch einen Tennisball hinein stopfen—würde einfach gerne sehen, ob das überhaupt geht?»

Daran musste ich heute auf jeden Fall denken. Der Gedanke unterhielt mich auch gut während der Prozedur. Betäubung und Desinfektion sind auf jeden Fall die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, die ich noch vor der Eisenbahn und der Elektrizität zu schätzen weiß.

Danach bei der Schneiderin. Mit der zweiten Anprobe haben wir einen Durchbruch erzielt. Die Jacke von Umberto Ginocchietti sitzt jetzt wie von ihm selbst noch angemessen. Den Hinweis darauf, dass es diesen Modeschöpfer überhaupt gab, verdanke ich Horst Bienek, der ihn kurz vor seinem Gang in die Einsamkeit für sich entdeckt hatte.

So hat halt alles sein Gutes. Sogar mehr als tausend Seiten Gewäsch, immerhin.

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