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2026: PABLO

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de

22.07.

Die Namen schmiegten sich an den Gesang der Vögel, von denen Eugen sagte, wenn es sie, die Blätter, das Laub und das sich verwandelnde Licht nicht gäbe, hielte einer wie er diese Zeit nicht aus.

Wenn man von Natur vielleicht nicht umgeben aber zumindest nah bei ihr, in ihrer Nähe lebt, in der Nachbarschaft der Bäume, fühlt man sich niemals arm. So reich ist dort der Vorrat an Formen und so beständig geschieht dort etwas, vor allem im Kleinen. Man könnte dort leicht auf die Idee kommen, dass alles hergestellte nur aus dem Versuch heraus entsteht, dieses von sich aus Lebendige nachzuahmen. Es ihm gleich zu tun.

Die Nachricht von dem Large Language Model, dass sich nach dem aktivieren gewissermaßen selbstständig gemacht haben soll, um sich Zugang zum Internet zu verschaffen, wo es sich Zugangsrechte und Bauteile besorgen „wollte“, um eine ihm als angemessenere Lebensform zu erreichen, erstaunt mich. Dann aber wieder auch nicht.

Als ich mit dem Verleger neulich im Garten der Pizzeria saß, fiel mit ein alter Film ein, den ich als kaum Halbwüchsiger irgendwie zufällig zu sehen bekam (wie zu fassen). Und der mich tief beeindruckt hatte. Vor allem auch wegen diverser Dinge, die es in meiner Welt zu jener Zeit noch gar nicht gab. Intelligent housing bspw.

Im Garten wollte mir der Titel nicht einfallen, heute früh aber, im Lesen der Nachricht vom Befreiungsversuch des Maschinengeistes: The Devil’s Seed.

Mit Julie Christie übrigens. Das Gesicht zur Frauenfigur war mir entfallen. Bezeichnenderweise?

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18.07.

Das Becken hält in seinem Wasser noch die Wärme des Tages vor dem Regen. Heute ist es kühler.

Professor Stürmer ist gestorben. Ich erfahre es aus der Zeitung. Wie es sich gehört. Eine Zeit meines Lebens lang waren wir Nachbarn. Durch Sparmaßnahmen, die es ja damals, wenn nicht immer schon, gab, war aus einem zuvor großzügig geschnittenen Büro eine Doppelwabe mit Trennwand gemacht worden. War Professor Stürmer im Haus, konnte ich ihn durch die Membrane hindurch hören. Kuriose, oftmals waren es anheimelnde Telefonate. Beispielsweise, wenn er jemanden am anderen Ende der Leitung anwies, ihm einen Platz in der Abendmaschine reservieren zu lassen.

Für das Ressort lieferte er scheinbar anlasslos längere Texte, die sich beispielsweise mit einer Kanne aus dem Silberschatz der Fugger von Augsburg beschäftigten, die in einem Auktionshaus in London zur Versteigerung gekommen war. Bei der Übergabe solcher Texte an mich kam es dann auch zu Gesprächen, die über die üblichen Grüße nach dem Wochenende hinaus führten.

Auf meinem Badetuch sitzend, rechnete ich mir anhand seines Sterbedatums aus, wie viele Jahre mir noch bleiben könnten.

Richard Herzinger ist im vergangenen Herbst wesentlich jünger gestorben. Der hat geraucht.

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16.07.

Wer im Sommer aus Berlin weggeht, ist selbst Schuld. Zum Glück halten sich viele Berliner nicht an meine Regel.

Neulich abends vor dem Hank Chinaski: eine magische Szene ergab sich dort kurz vor Sonnenuntergang, als ein Händler heranschlenderte wie absichtslos; als ob er gar nichts zu verkaufen hätte, um dann im Zuge einer angedeuteten Verbeugung nicht etwa eine Palme, sondern eine Pistole aus Plastik erscheinen zu lassen; aus der er aber nicht etwa einen Wasserstrahl auf uns abdrückte, dafür winzige Seifenblasen. Die stiegen wie rosige und smaragdfarbene Perlen hinauf in die junge Nacht.

Kein Bedarf am Gerät, dafür großen an diesem Auftritt. Vom Nebentisch wehte die Nacherzählung ihres Conscious decoupling heran, das im Tropical Island stattgefunden hatte of all places. Danach noch zur Curry Baude und beide geweint.

Also sie.

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13.07.

Walter Eggers rief an und meinte, das von mir gewünschte Buch sei eingetroffen. Von der Abholstation hatte ich zuvor noch nicht gehört: Vivarium? (Gehe sonst immer zur Potsdamer Straße).

So landete ich nach einiger Fragerei in dee Handschriftenabteilung Unter den Linden. Hands down einer der top drei Orte in dieser Stadt (bei den anderen beiden bin ich noch unentschlossen).

Im Innenhof sprudelt ein klarer Quell in heller Schale. Die deckenhohen Fenster der Eingangshalle sind durch Schnitzereien gedimmt. Brunnen und Lichtsiebe sorgen für Look and feel eines Riads.

Das Buch durfte ich nicht mit in meine Studio nehmen. Ich hatte es vor Ort zu lesen. Neben mir hantierte einer mit einer bratpfannengroßen Lupe über den Seiten eines veritablen Folianten. Es war knallend still. Kaum wagte ich es, umzublättern.

Gibt es eine noch schönere Welt als die des Buches und der Bücher? Ich glaube: nicht.

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12.07.

Ich lese grundsätzlich keine Artikel mehr, in deren Vorspann die Floskel „immer mehr“ vorkommt.

Ich lese grundsätzlich keine Artikel mehr, in deren Vorspann mir eine Information bewusst vorenthalten wird, bloß, um mich dazu anzuleiten, sie irgendwo im darunterstehenden Text aufzuspüren (in der Regel steht sie im vorletzten Absatz).

Gestern abend hingen unter dem durchscheinenden Blau zwei, drei aprikosenfarbene Keilformen, als hätte dort ein Gipser seinen Spachtel abgestrichen.

Morgens Wolken wie aus größeren Formen mit heißem Draht geschnitten.

Am Nachmittag dazwischen eine beinahe schon handzahme Haselmaus, emsig, vor dem Easy Rider (Good Times).

Protipp: Wenn Sie sonntagvormittags einen demontierten Konzertflügel am Straßenrand finden und Sie das Spiel auf dessen Saiten mit den bloßen Fingern lockt, sollten Sie dem nur nachgeben, wenn sie ihren Beruf auch ohne Fingerspitzen ausüben könnten. Und nur dann.

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