2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
06.06.
Nach zwei regnerischen Tagen, die Wolken brechen hier an der Küste ohne Vorwarnung, teils vor heiter scheinendem Himmel, beginnt ein Tag voll Sonnenschein wie von Ursula Rucker prophezeit. Am Vorabend bei der Tante. Mit Fisch vom Blech und Fotoalben.
Auch deshalb besonders schön, weil sie in den für mich entscheidenden Aspekten eine gänzlich andere Persönlichkeit hat ausbilden können als ihr Bruder. Und dennoch sind wir zweifellos verwandt.
Wie es sich herausstellte führt Onkel Hans, pensionierter Landmand, ein Tagebuch. Allerdings rein statistisch. Mit Wetterdaten, Luftdruck, Posteingang. Allerdings halt schon seit sechzig Jahren. Wichtige Disziplin seiner Lebenskunst.
Jürgen Dollase hat seine Kündigung beim sogenannten „““Leben“““ der F.A.S. öffentlich gemacht, weil er es nicht länger hinnehmen wollte, dass seine Texte „in einem unsäglich banalen Umfeld erscheinen“. Mein Held.
04.06.
In der mittleren Phase seines Werkes, die mir lieb und teuer ist, geht es bei Handke oft um die Problematik der Schwelle. Lange hatte ich geglaubt, dass damit eine Schwelle gemeint ist, die man schreibend übertreten muss, um überhaupt in den Textfluss hineinzugeraten.
Mittlerweile aber glaube ich zu wissen, dass es auch innerhalb des Textes noch eine Schwelle gibt. Und das es diese ist, die Handke meint. Sie ist auf den ersten zehn bis zwanzig Seiten beständig spürbar. In dieser Erzählzeit sehnt man oft diesen Moment herbei, an dem die Schwelle übertreten sei. An dem man, vom ihrem höchsten Punkt aus, den Ausblick in das Panorama nehmen kann. Übersicht gewinnt. Und sich Erleichterung breit macht. So weit, wie die von dort aus nun sichtbar gewordene Welt.
Bis dahin ist man im Vergleich zur Schwelle sehr viel kleiner. Man bleibt es wohl auch. Bloß verschwindet sie dann hinter einem.
Ein ganz anders geartetes Schwellenproblem, rein in der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur verortet, ist das von mir so genannte Problem der 120. Seite, das ich während meines Aufenthaltes in Hamburg mit Sebastian besprechen konnte. Stichwort Die 120 Seiten von Sodom.
02.06.
Die fundamentale Veränderung zu meinem vorangegangenen Aufenthalt bringt aber mein Erwerb der dänischen Sprache. So rudimentär er auch sein mag: Ich kann jetzt alles lesen. Und eben nicht bloß entziffern und raten. Es ist wie damals, als ich in den Ferien vor der Einschulung Lesen gelernt hatte (mit einem Biene Maja-Heft) und mit einem Mal hatte die mir vertraute Welt eine riesige Dimension dazugewonnen.
So nehme ich auch hier Schilder, groß und klein, im vorübergehen auf. Und plötzlich weiß ich, wo ich hier bin, beziehungsweise war im vergangenen Jahr „Ach, das ist ein Altersheim“.
In einer Gegend, die hauptsächlich von Landwirtschaft geprägt ist, fällt es freilich schwer auf sein Tagwerk stolz zu sein. Draußen röhren sie von früh bis sehr spät auf hausgroßen Feldmaschinen vorbei und ich kann einfach nicht länger als sechs Stunden schreiben. Konnte ich noch nie. Wobei die Arbeit dann nach dem Eintippen von Text noch lange innerlich weitergeht. Aber das sieht mit der Landwirt halt nicht an. Schon greift die protestantische Komplexmechanik.
Was ich an der nördlichen Landschaft so angenehm und geradezu ansprechend finde im Gegensatz zu der meiner Herkunft: Alles ist so gepflegt und manierlich. Ein Bauernhof schaut hier so aus wie er ist: ein produzierender Betrieb. Eine Grundstofffabrik. Die in- und aneinandergebaute Hütten- und Barackenästhetik meines Heimatdorfes ist hier unbekannt. Rot und makellos die Bauten hier nebeneinander aus den wogenden Grasmeeren. Wie Bücher in einem Regal.
01.06.
Im Zug nach Hamburg las ich zum letzten Mal für drei Wochen in der F.A.Z. Bald hatte mir gegenüber ein vollkommen unbehaarter Mann Platz genommen und seine in Croqs steckenden Füße bis weit über die Grenze zu meiner Sphäre hin ausgestreckt. Mit der Zungenspitze führte ein Hustenbonbon an der Rückseite seiner Zahnreihen entlang wie einen Stock an den Latten eines Zaunes. Gläsernes Geräusch.
Kaum hatten wir die Grenze zu Dänemark passiert, war die Verbindung zum Netzwerk fünfmal so schnell, der Schaffner lachte und teilte in scharkantig gefalteten Papiertüten verpackte Wasserflaschen aus und Fingersandwiches aus Knäckebrot. Später Marshmallows mit Himbeergeschmack. Marshmallows wurden klassischerweise aus Eibisch gekocht. Eibischbrei, schreibt zumindest Peter Peter, gehörte zu den Grundnahrungsmitteln der Menschen in der nördlichen Hemisphäre. So auch der ersten Dänen. Nach zwölf Stunden kam ich im Kloster an.
Nicht alles ist dort noch genau so, wie ich es in Erinnerung bewahrt hatte. Aber kaum hatte ich die Tür zum Atelier aufgeschlossen, war die Katze schon an mir vorbei in den Raum gehuscht und weigerte sich später auch, mich auf einen kleinen Rundgang durch den Park zu begleiten. Ihren angestammten Platz gibt sie jetzt nicht mehr so leicht auf.
Irre Wolken.
Im Supermarkt haben sie die Marke für Party Pølser gewechselt. Außerdem gibt es den von mir hoch geschätzten Flimmer Mix nicht mehr. Auch die Chips mit Jalapeño-Flavour fehlen und mein bevorzugtes Granola wurde umbenannt, heißt jetzt Crunch.
Alles andere, und das ist das Meiste: wie damals, wie im vergangenen Jahr. Traumhafterweise.
20 Uhr 49 Die Katze schläft.
28.05.
Am Morgen, gegen 08:41 spielte der DJ im Radio, Pam aus Paris, ein Stück der Souls of Mischief. Die Platte, eine 12″, besaß ich einst. Alles, selbst das Cover, seine Gestaltung, der Farbton des Vinyls, sein Knistern, der Moment meines Kaufs, Momente, da sie auflag, war in diesen Klängen konserviert worden.
Der DJ sagte: 31 years it’s unbelievably fresh. Und ich schaute auf meine Hände.
Der nächste Bürgermeister Berlins sagt in seinem Reel „Ich weiß nicht, wie ich das den Menschen erklären soll.“ Und meint eine geplante Kürzung von Geldern.
Ich weiß noch nicht einmal, wie ich mich den Menschen erklären soll.