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8.3.

8.3.

Im Mai 1973, als das Wünschen auch schon nichts mehr geholfen hat, veröffentlichte Peter Handke in einer österreichischen Zeitschrift den nachfolgenden Text. Ich war damals noch keine zwei Jahre alt. Aber ich habe dem bis heute nichts hinzuzufügen:

Vor ein paar Tagen hat jemand mich angerufen und gefragt: «Was sagst du zu dem Waffenstillstand in Vietnam?» Ich habe nichts geantwortet, nur irgendwie geflucht und von etwas anderem geredet. Was zu sagen war, wäre nicht von mir gewesen, und ich bin mir immer dann besonders fremd vorgekommen, wenn von mir verlangt wurde, etwas zu sagen, was gerade so gut auch eine Maschine hätte ausspucken können.

Ich wollte etwas zu Vietnam sagen, das von mir war, und konnte es nicht. Deswegen fühlte ich mich erpreßt und sprach von etwas anderem.

Geht es mehr Leuten so? Ich glaube jedenfalls, es ist kein privater Rückzug, sondern eine allgemeine Schwierigkeit von uns Zeitungslesern und Fernsehzuschauern: unsere «persönlichen Meinungen» sind immer ganz unpersönlich. Eine erst einmal sprachlose Anteilnahme aktiviert, aber
die veräußerlichte, erzwungene Stellungnahme
im Kommentatorenstil macht passiv und unzufrieden mit einem selber. Aus dieser Hilflosigkeit entsteht dann eine Aggressivität, die nun wirklich «persönlich» und «von mir» ist, indem sie sich gegen meine persönliche alltägliche Umgebung richtet. Das ist MEIN Vietnam-Problem.

Einige Tage habe ich überlegt, was ich denn persönlich auf die Frage «Was sagst du zu dem Waffenstillstand in Vietnam?» hätte sagen können. Es hat mich beschäftigt, daß ich darauf nur wütend geworden war. Und dabei war ich sogar stolz auf die Wut, weil sie in diesem Moment eine wahre Empfindung gewesen war und weil wahre Empfindungen so selten waren. Schon die Friedensverhandlungen in Paris mußten ja einfach dadurch, daß sie begonnen hatten, auch ein gutes Ende nehmen; so erschienen einem die Einzelheiten, die jeweiligen Kommuniqués von der Ergebnislosigkeit, nur als Züge in einem vorausgeregelten Spiel. Ohne zynisch zu sein, kann man sagen, daß man sie in den Massenmedien mit dem gleichen Sportsgeist verfolgt hat wie das Geplänkel zwischen Bobby Fischer und den Veranstaltern vor der Schachweltmeisterschaft: einmal würde das Spiel schon klappen.

Auch wenn im Fernsehen ein Gewerkschaftsführer nach erst einmal gescheiterten Lohnverhandlungen die Urabstimmung über einen Streik ankündigt, bin ich immer ganz sicher, daß man schließlich doch einig sein wird, der «Rettung in der letzten Minute» in Filmdramen entspricht die «Einigung in der letzten Minute» in unserer Fernsehwelt. So ist der Waffenstillstand in Vietnam nicht aus der doch immer nur beschworenen menschlichen Friedensliebe entstanden, auch nicht aus der Materialerschöpfung, sondern aus der Bewußtseinserschöpfung der kriegführenden Amerikaner und ihrer Fernsehzuschauer. Diese Erschöpfung des Bewußtseins tritt dann als Sehnsucht nach Frieden auf, die man mit Friedensliebe nicht verwechseln darf.

«Danke fürs Mitmachen, danke fürs Zuschauen!»

Ich versuchte also, von mir aus etwas zu formulieren. Ich dachte an das Argument (oder linke Klischee?), daß die amerikanische Rüstungsindustrie auf den Krieg angewiesen sei, und las dann im Wirtschaftsteil der «Frankfurter Allgemeinen» diesen Bericht: «Die Rüstungsindustrie sieht dem Ende des Krieges in Vietnam gelassen entgegen. Sie rechnet damit, daß jetzt nicht weniger, sondern mehr Geld für neue Waffensysteme zur Verfügung stehen wird, weil weniger für Bomben, Munition, Stahlhelme und Ersatzteillieferungen draufgehen wird. Das Ende des Krieges wird mehr Geld für B-1-Bomber bedeuten. B-1-Bomber sind als Ersatz für die VERALTETEN B-52 vorgesehen.»

Die Industrie also reagiert auf das Ende eines dreißigjährigen Krieges GELASSEN. Sie wird neue Produkte entwickeln, die für die Erhaltung des Friedens bestimmt sind. Dafür Reklame zu machen ist unnötig, weil ohnehin die Ideologie die wirksamere Reklame ist.

Ich dachte: «Wird der tägliche Umgang mit Waffen, die für die Erhaltung des Friedens immer nur gepflegt statt benutzt werden, nicht notwendig wieder, nachdem sich das erschöpfte Bewußtsein erholt hat, Lust zu Aggressivität machen? Werden nicht die täglichen Handgriffe, die täglichen Pantomimen für den Ernstfall dem Bewußtsein eintrichtern, daß man als Soldat usw. seine Existenz nur mit der Möglichkeit eines solchen Ernstfalles rechtfertigen kann?»

Die Rüstungsindustrie ist also nicht auf den Krieg angewiesen, sondern darauf, daß man sich den Frieden noch immer nur als Nach- und Vorkrieg denken kann. Daneben warten die Adventisten immer wieder lächerlich auf den Weltuntergang, nur weil sie keine Industrie haben, die jeweils dafür vorgesorgt hat.

Heute bin ich wieder angerufen worden. Eine fremde Frau wollte wissen, was ich von Hitler hielte und ob ich es richtig fände, daß Rudolf Heß immer noch eingesperrt sei? Als ich nichts, gar nichts antworten konnte, sagte sie mir ihre eigene Meinung. Sie redete sehr lange, ohne auf mich zu achten. Als sie fertig war, bedankte sie sich, daß ich ihr zugehört hatte, und legte wieder
auf.

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