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5.5.

5.5.

Auf Indiens ländlichen Gebieten trifft man noch immer auf imposante Bauten von Termiten, die von den Einwohnerinnen der umliegenden Dörfer zu Kultstätten umdekoriert wurden. Die turmähnlichen Strukturen, die an die hohen Häuser von Sanaa, an Antonio Gaudí erinnern mögen, werden mit Kurkuma und rötlichen Pigmenten verziert. Ein Dreizack wird aufgestellt, Räucherstäbchen et cetera. Allerdings huldigen die Inder hier nicht den Termiten oder deren Bauten, sondern den Schlangen, die nach den Termiten deren aufgegebene Burgen beziehen. Schlangen können dort als Inkarnationen von Gottheiten verehrt werden. Termiten nicht.

Gestern unterhielt ich mich dann auf der Terrasse seit langer, seit sehr langer Zeit wieder einmal mit Ingeborg. Wobei sie mir dabei im Gefühl vermittelte, dass sie noch immer traumatisiert war von der Erfahrung, dass Vanity Fair zum Misserfolg wurde — und das war ja nun wirklich schon sehr lange her!

Aber Ulf Poschardt habe ihr einst versprochen, dass für ihn dort nur die Besten in Frage gekommen waren. Und trotzdem gescheitert.

Selbiger, er stand unweit von uns im Kreise seiner Freunde und amüsierte sich prächtig, trug an diesem Abend eine scheckheftgepflegte Bomberjacke aus den neunziger Jahren und gab u.a. das Bonmot zum besten: «Ich bin gerade wieder voll auf Fashion!»

Es war ja tatsächlich der erste Abend seit Jahren, deren mindestens zwei, an denen alle wieder erschienen waren. Und zwar vollzählig! Einige hörten ein bisschen schlechter als vorher, andere sahen jetzt besser aus, zumindest halt anders. Und der Hebefigur aus Bronze, die dort hinter der Terrasse in den Prinzessinnengärten steht, war in der Zwischenzeit etwas Efeu empor in den Schritt gerankt. Ein Sinnbild? Auf jeden Fall ein gutes Posting. «Hashtag» Corona.

Später, drunten im Saal der Schinkelklause: Konzert im Dunkeln. Wie vom ersten Sonnenstrahl in der Höhle kam etwas Licht auf den Hut des Pianisten. Geniale Idee eigentlich, ein Markenzeichen.

Unter Anthroposophen gibt es ja den Glauben, dass das Gesicht eines Wiegenkindes die Gesichtszüge dasjenigen widerspiegeln wird, der sich am Morgen über die Wiege gebeugt. Bei Malakoff schien es mir umgekehrt passiert: Sobald er seine düstere, dichte, grollende, ab und an auch verrauchende Suite in die Tasten eingab, schien es mir so, als ob von dort unten, von den Tasten her alles arabische aus seinen Zügen abgesaugt würde; er kam mir jedenfalls bald schon so slawisch vor wie noch nie zuvor.

Draußen, vor dem Opernhaus saß ein Statist im Kostüm eines Bajazzo und schrieb an WhatsApp. Vielleicht war das ja auch gar kein Konzert, dachte ich. Es war eine Séance.

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