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4.2.

4.2.

Ich glaube an die Strahlkraft der Orte.

Gestern erst hatte ich es wieder mit einem Problem zu tun, bei dessen Lösung ich so lange nicht weiterkommen sollte, bis mir eingefallen war, noch einmal an diesen Ort hinzufahren, von dem der fragwürdige Text handeln sollte.

Es gehört zu den Tröstungsmelodien unserer Zeit, dass man auch vieles Remote, dass man sich alles anschauen, anlesen, anschauen lassen und vorlesen lassen kann. Es stimmt halt bloß nicht. Leider. Um etwas von Qualität hervorbringen zu können, muss man allzuoft auch noch immer selbst hin. In persona. Um sich vereinnahmen zu lassen.

Das hört sich vermutlich dramatischer an, als es war, denn ich musste ja lediglich in die Feinschmeckeretage des KaDeWe, die sich seit den Umbauarbeiten selbst «Die Sechste» nennt, aber immerhinque, denn Wer die Hitze des Herdfeuers scheut, sollte sich nicht in die Küche wagen. Aber ich habe dort, auf der sechsten Etage im Kaufhaus des Westens tatsächlich die beste vietnamesische Nudelsuppe jenseits von Vietnam geschlürft — «rr», wie es seit neuestem heißt.

Dabei schrieb ich dann den Text, vollendete ihn auch schließlich, noch immer droben, bei einem Stück Apfelstrudel — ich war innerhalb der Etage vom Vietnamesen in eines der Vafés dort weitergezogen, denn ich, der Sultan, hatte Kaffeedurst —, während an meinem Nebentisch sich einige der weniger erfolgreichen Mitglieder des Remmo-Clans (man erkennt die unteren Chargen an den Schultertäschchen von, in Anführungszeichen: Luis Vuitton; aber sind sie denn letztendlich, aus Argusaugen betrachtet, nicht allesamt Loser?) um einen der niedrigen Tische mit Ausblick auf die regennassen Dächer von Westberlin versammelt hatten, um ein letztendlich doch recht hoch aufgestapeltes (und mit Heftklammern gestapeltes) Dokument aus dem Amtsgericht Schöneberg unter die nicht vorhandene Lupe zu nehmen.

Sie macht etwas mit einem, die Strahlkraft der Orte, die Vereinnahmung des Geistes von einem und vor: Ort. Was genau, bleibt unbeschreiblich für mich; ist ungefähr so zu fassen, vielleicht, wie Kingsley Amis es über die Rolle eines Klackses Ketchup in der Bloody Mary beschrieben hat: «It does something. I’m still not sure what, but it does.»

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