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13.6.

13.6.

In meinem Flaschengarten zeigt sich seit neuestem eine winzige Schnecke. Ich habe sie nicht dort hineingetan. Es muss sich vielmehr so zugetragen haben, dass ich bei meiner neuesten Bepflanzung (ein Farn), unbemerkt auch Schneckeneier dort in den Boden eingegraben habe. Und diese Saat, die damit auch meine war, ist nun aufgegangen.

Soll ich die Schnecke entfernen, darf ich überhaupt; oder dann erst, wenn noch weitere Schnecken geschlüpft (sagt man das bei Schnecken überhaupt so, oder bloß bei den Vögeln?) sind und, wie es heißt: Überhand zu nehmen drohen?

Und was hieße das in diesem Fall, meinem, in der doch stark begrenzten Welt eines Flaschengartens, auf deren Boden halt ein Farn gedeiht und in dessen Schatten ein Moos?

In einem Leserbrief an die Redaktion der F.A.Z. hat neulich ein Leserbriefschreiber einen Kommentar zu einem Text von Judith Schalansky eingereicht, in dem ich die folgende Passage bemerkenswert fand:

«Die den Christen angedichtete Behauptung, Gott habe die Schöpfung nur um des Menschen willen gemacht, ist aus der Bibel nicht herauszulesen. Sie wurde nur sporadisch wie in den Theorien des Pico della Mirandola (fünfzehntes Jahrhundert) vertreten. Prediger Salomo 3,19 legt vielmehr nahe, dass der Mensch dem Tier eigentlich nichts voraushabe: Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dieses stirbt, so stirbt er auch,… und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh.»

Ich dachte darüber lange nach. Nahm den Ausschnitt dieses Leserbriefes mit von einem Platz zum anderen und kam doch nie darüber hinweg.

Ich schrieb dann an einige Theologen, denen ich auf Twitter folge: Hierzu interessieren mich Eure Meinungen.

Wie immer, wenn ich mit diesen Schriftgelehrten und vor allem: Lesenden ins Gespräch kommen kann, wirkt das herzerfrischend und ich empfinde es vor allem als einen Luxus, dass ich auf dieser sogenannten Plattform auch mit nachdenklich gesinnten User:innen ins Gespräch kommen könnte — jederzeit (zwei von Ihnen, Familienväter und zudem im Pfarramt, waren in den Vorbereitungen zu Ferienfahrten, das wusste ich aus Ihren übrigen Postings). Zum Ende hin mischte sich ein mir bis dahin Unbekannter ein und legte für mich die fragliche Stelle bei Pico de Mirandola aus.

Ich habe mir diesen Text, die nie gehaltene Rede zur Würde des Menschen, dann bestellt, er traf nach zwei Tagen ein.

Wesentlich, in Bezug auf mein Dilemma mit der Schnecke in meinem Flaschengarten, erscheint mit der Anfang der Rede. Wo es unter anderem heißt ne aut adversus Solem emingamus — daraus leite ich ab, dass man sich in jeder Beziehung als den anderen Geschöpfen verantwortlich fühlen soll; auch was deren Empfindungen — angenommene, zugeschriebene, beobachtete oder abgelauschte — betrifft: Wende Dich lieber ab. Oder wie es Louis Berger in besagtem Disput auf Twitter vorschlug: «Es kommt immer auf den Blickwinkel an… letztlich soll an dieser Stelle auf die von allen Lebewesen geteilte Vergänglichkeit hingewiesen werden: Denn beide sind Windhauch (Koh 3,19).»

Und, pragmatisch gesprochen: Fressen Schnecken überhaupt Farn?

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