21.09.
In der Prignitz lese ich natürlich und passenderweise in den Aufzeichnungen Peter Rühmkorfs aus dem Jahr meiner Geburt. Verblüffend frisch wirken die über 50 Jahre alten Beobachtungen. Hamburg war dem Flecken, in dem ich aufgewachsen bin, einfach Jahrzehnte voraus (ca drei).
Sein Lebensstil allerdings, Rühmkorfs, wirkt mittlerweile muffig. Geradezu antiquiert. Als dann in einem Eintrag von einem „morgens um vier“ aus der Wand brechenden, da nicht genügend befestigten Bücherregal berichtet wird, ging mir in Folge auch auf, woran mich Rühmkorfs Wunschgedankengänge strukturell erinnert hatten. Bei den Aufräumarbeiten auf der Bücherschutthalde findet die von ihm als „Frau Räumkorf“ bezeichnete einen verloren geglaubten Brief von Arno Schmidt aus Rühmkorfs Zeit als Lektor wieder.
Und von den Gedanken und Aussprüchen der Erzählten in Schmidts Texten kannte ich die nachmittäglichen Kreis- und Suchbewegungen wieder, die Peter Rühmkorfs Berichte durchziehen.
Etwa wenn er, als Nachhilfelehrer, ein Verhältnis mit einer Minderjährigen anfängt. Aber auch die ständigen Krankheitszustände, der Mangel, auch venerische darunter, der Suff, dauernd Schnäpse, die Hypochondrie.
Aber man muss sich schon Abbildungen aus Westdeutschland in den siebziger Jahren vorhalten, am besten auch Filme, um den zeitlichen Abstand einschätzen zu können. Derart frisch „von der Leber“ wirkt das Erzählte.
Gut möglich, ziemlich wahrscheinlich sogar, dass auch heute noch manche so denken und leben wie er. Bei der Heimkunft dann Wahlabend. Rekordergebnis für PdL. Strammer Zuwachs für die anderen mit großem A. Es ist nun noch peinlicher geworden, in dieser Stadt zu leben. Aus ihr zu kommen, wie es heißt. Wahrscheinlich war das der Fehler meines Lebens: Jemals aus Hamburg wegzuziehen.