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30.08.

30.08.

Im Zug sitzt eine Frau mit ihrer Tochter schräg vor mir, so, dass ich alles gut beobachten kann, was in ihrer Nische vor sich geht. Kaum, dass wir Stuttgart hinter uns gelassen haben (eine drohende Evakuierung wegen eines nicht zuordenbaren Gepäckstücks machte die Minuten bis zur ohnehin verspäteten Abfahrt des ICE besonders würzig), wird dort eine Puppe ausgepackt aus einem opulent verzierten Behältnis.

Alles was Augen hat lebt, irgendwie. Beziehungsweise kann es von uns belebt werden. Ich freue mich low key, dass Kinder noch immer mit Puppen spielen wollen. Diese hier entsteigt ihrem Behältnis wie einer eigenen Welt.

Und es gibt auch auf der Symbolebene einiges zu entpacken. Die Puppe, die vor allem durch länger als hüftlanges Seidenhaar in blonder Farbe beeindrucken kann, stammt von der Marke Baby Born, die bei meinem letzten Kontakt mit deren Produkten noch auf beinahe lebensecht geformte Säuglinge spezialisiert war.

In den seither vergangenen 25 Jahren hat auch dort sich etwas getan. Die heutige Puppe entstammt der Unterlinie „Glam Up“. Das bis über die Hüfte herab reichende Seidenhaar kann in alle möglichen Frisuren gekämmt und frisiert werden. Gewissermaßen voreingestellt ist im Stirnbereich der sogenannte Problempony, der zuvor noch als Ketaminpony in Mode war.

Aber auch die vom Haar umspülte Hüfte der Puppe bietet Neues: Die Beine können abgenommen werden, dann ist das in der Genitalregion verankerte Modul bereit, einen bodentiefen Fischschwanz zu befestigen, mit dem die Blonde zu einer Meerjungfrau umgestylt wird.

Dem Mädchen, das sehr schön artikuliert mit ihrer Mutter spricht, ist diese Nixentransformation lieb. Sie spricht es noch mehrfach wie traumverloren vor sich hin: „Meine Meerjungfrau…“, während sie sich schon den Lerninhalten auf ihrem Tablet zugewendet hat, das in einem himbeerfarbenen Wulst aus Gummi steckt. Die Mutter las derweil im Kundenmagazin einer Drogeriemarktkette den Zweiseiter über „Feenhaar“.

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