21.01.
Irgendwo im Teenager schreibt Frank Witzel, dass er es bedauerlich findet oder belastend, dass alles immer auf etwas hinauszulaufen hätte. Als ich selbst noch Teenager war, habe ich ein Jahr lang anstelle des Religionsunterrichts den damals brandneuen Ethikunterricht belegt. Bestimmt hatte mich damals das Neue interessiert aber auch, wie eine andere Perspektive auf das Thema Glauben und Übersinnliches ausschauen würde. Von diesem Jahr im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem die Ausführung des Lehrers zum Thema Denken im weltweiten Kontext. Die Europäer, sagte er, denken linear. Alles läuft ihnen dabei auf etwas hinaus, wohingegen die Asiaten in konzentrischen Kreisen denken. Also um einen gedachten Stein herum, der, in den Pool des Ungedachten geplumpst, ihnen als ein Denkanlass dient.
In diesem Sinne besuchte ich anderntags um 18 Uhr eine Meditation in einem der Tempel in der Nachbarschaft. Der Innenraum des Tempels, von dem ich bislang aus respektvollem Abstand den golden schimmernden Buddha betrachtet hatte, war mit Neonlicht ausgeleuchtet. Um den großen Buddha herum waren, stufenweise angeordnet, noch weitere, kleinere Figuren, die Buddha darstellten, platziert. Ein Altar fehlte. Direkt vor der Buddhastellage nahmen die Mönche ihre Plätze ein. Es waren insgesamt zwölf: 9 Novizen und drei Ältere. Die Novizen hatten sich in Dreierreihen angeordnet, die älteren zu einem Dreieck, dessen Spitze zum Buddha wies. Der an der Spitze hatte auch ein Mikrofon vor sich, das auf einem niedrigen Stativ montiert war. Die gesamte Zeremonie fand mit unterschlagenen Beinen, die Zehenspitzen von Buddha weg weisend, auf dem Boden statt.
Es gab keinerlei Musik oder sonst ein Signal des Anfangens. Das Eintreffen am Tempel, Versammeln, Niedersetzen, Ausrichten ging „irgendwann“ über in den Gesang des älteren Mönches an der Spitze. Von den anderen unbegleitet trug er sein Rezitativ alleine vor, ungefähr sechs Minuten lang. Das Kabel von Mikrofon zur Verstärkeranlage hatte offenbar eine Wackelkontakt. Der bratzende Knall unterbrach seinen monotonen Gesang oft auf das Unschönste, aber zu schien es nicht
Während des Rezitativs hielt einer der jungen Mönche, vermutlich 13 Jahre alt, eine Schale freischwebend vor sich, in der Kerzen brannten. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie lange diesem Jungen die sechs Minuten des Gesanges wurden. Als ich in seinem Alter war ungefähr, habe ich beispielsweise während der Matthäuspassion in unserer Dorfkirche auch im Textblatt geschaut, wie lange es sich noch hinziehen dürfte. Und immer hatte ich mich aufgrund der vermeintlich kurzen Rezitative, die oft bloss aus einem Satz bestanden, vermeintlicherweise, auf das Empfindlichste täuschen lassen.
Nach diesem Rezitativ wurden die übrigen Mantras von allen Mönchen gemeinsam gesungen. Der Ältere an der Spitze stimmte die Themen an, die übrigen folgten ihm daraufhin in das Dröhnen des Wortwindes, der mich vom Klang her an die Melodien aus einem Didgeridoo erinnerte. Nach 30 Minuten gab es eine extrem lange Zeit des gemeinsamen Schweigens. Vielleicht kam sie mir auch nur deshalb so lang vor, weil meine Beine mittlerweile zu schmerzen begonnen hatten.
In dieser Meditation, bei der ich mich aus dem Schmerz in den Blick des Buddhas zu stehlen versuchte, ging mir auf, dass diese berühmte Pose des Buddhas auf seinen unterschlagenen Beinen ruhend womöglich gar keine der Selbstzufriedenheit oder Gemütlichkeit ist, sondern höchster Ausdruck seiner übermenschlichen Disziplin. Also Selbstzucht, Überwindung,Körperbeherrschung.
Am nächsten Tag brachen wir in einem Bus zum Goldenen Dreieck auf und bezahlten einen Fischer in Chiang Ræng , damit er uns bei Tagesanbruch in seinem bunten Speedboat zu jener Stelle im Dreiländereck brächte. Auf der laotischen Seite errichten die Chinesen dort eine neue Stadt, die komplett dem Glücksspiel geweiht werden wird. Das Kasino ist schon fertig, es hat die Form einer zwölfstöckigrn Lotusknospe. Die Spielenden werden in noch höheren Hochhäusern untergebracht werden, von denen erst die Gerippe stehen, aber wenn alles fertig ist, also bald, sehr bald, wird auch diese Stadt haargenau so aussehe wie Wuhan oder Guangzhou, bloss halt am Ufer des Flusses Kong.
Aber der Buddha am Goldenen Dreieck, der hier übrigens in einem mit Blüten geschmückten Boot fahrend dargestellt ist, golden schimmernd und auf unterschlagenen Beinen lagernd wie eh und je, kann mit dem Speedboot umrundet werden. Und wenn man dann schon beinahe auf den chinesischen Sektor des Flusses eingebogen ist, schaut man ihn von hinten.