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03.01.

03.01.

Das Neujahr erlebte ich auf beinahe traumhafte Weise, die mir dadurch freilich auch im Gedächtnis bleiben wird: Man hatte sich gerade erst vor der Restauranttüre versammelt, um das Feuerwerk zu betrachten, da schwärmte aus dem Rohr eines Mannes, der unweit von uns seine Stellung aufgebaut hatte, eine rot glühende Kugel in den von Schwaden schon dunstig gewordenen Nachthimmel ab. Auf diese Weise waren zuvor schon Glühkugeln in Grün und Gold aus diesem Rohr gestiegen, doch die Rote hatte er, womöglich aus einer kurzfristigen Unachtsamkeit heraus, in einem latent flacheren Winkel sich abfeuern lassen. Wie gelähmt, tatsächlich fühle ich mich in manchen meiner Träumen so, verfolgte ich das Rot der Kugel auf seiner Bahn bis unter die Arkade eines Balkons in dem dunklen Haus uns gegenüber.

Bald fing ein Flackern an, die Dunkelheit des Gewölbes zu erleuchten. Aus einem mit viel Glas modernisierten Dachgeschoss im Nebenhaus trat nun ein Mann, sein Telefon in der Hand, um das Anheben des Großbrandes, der wohl auch ihn verschlingen würde, zu filmen. Da hatten die Kellner schon die Feuerwehr alarmiert. Und wie in der ungewissen Zeit nach dem Einschlag eines gegabelten Blitzes bis zum ersten Donner zählte ich die Sekunden. In zweistelligen Zahlen, wie es mur beigebracht worden war.

Sie waren wohl nicht weit entfernt stationiert gewesen. Als der Leiterwagen in die Straße drang, trotz allen Blitzen und Donnerns, des Sprühens ringsum: glänzend, spiegelnd wie poliert, triumphal, war die Balkonöffnung schon zum Ofen geworden — mit herausschlagenden Flammen und schwarzem Rauch. Ich tippte auf eine Rattansitzgruppe und langjähriges Wochenzeitungsabonnement.

Seitdem ich mich zum letzten Mal mit dem Feuerwehrswesen beschäftigt hatte, mussten sie das Design der Helme überarbeitet haben. Auch das Gestänge der Leiter schob sich butterweich auseinander. Der im Leiterkorb in die explosiv zitternde Nacht Emporgefahrene hielt zur Steuerung spezifischer Funktionen ein in Feuerwehrsrot eingefasstes iPad in der Hand.

Zunächst ließ er sich auf Höhe des Dachterrassenbewohners fahren, der ja noch immer filmte. Die Auseinandersetzung mit diesem Mann wurde bald so laut, dass man selbst vor dieser Geräuschkulisse noch beinahe jedes Wort auf der Straße unten stehend verstand — offenbar weigerte er sich standhaft, im seine verglaste Behausung zurückzukehren, um dort Türen und Fenster geschlossen zu halten, wie es hieß. Dabei gan es ja mittlerweile beträchtlichen funkenflug, so als schweißte dort jemand, beziehungsweise: als flexte dort einer Metall auf Metall.

Gut, aber nachdem dies, die gröbste Arbeit getan wurde, ging das Löschen selbst innerhalb von wenigen Augenblicken. Eben ganz genau so, auf diese mich jedes Mal irritierende Weise asynchron, wie auch in meinen Träumen die Zeit vergeht. Und das hinter geschlossenen Augenlidern.

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