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27.12.

27.12.

Als ich heute früh durch die Haustür ins Freie trat, war es derart glatt, aber nicht spiegelnd, dass ich kaum vorwärts kam. Eine Straßenecke weiter überlegte ich sogar, wieder umzukehren. Es ging mir viel zu langsam voran. Niemand hatte gestreut. Es dauerte bestimmt dreimal länger als üblich, bis ich endlich die Einkaufswelt erreicht hatte.

Hier sah ich nun auch andere, die mit dem Eisbelag kämpften. Eine asiatisch wirkende Frau, die mir entgegenglitt, fiel kurz vor dem Erreichen eines Handlaufs um. Meine ausgestreckte Hand wollte sie nicht gern ergreifen.

Auf der Verkehrsader brummte ein orangefarbendes Streumobil der Stadtreinigung vorüber. Aus seiner Schütte wirbelten grellblaue Salzpellets auf die Fahrbahn. Um die Fussgänger kümmerte sich von offizieller Seite anscheinend niemand.

Mit ihren Versuchen, sich auf dem Eisbelag so behutsam wie fortschreitend zu bewegen, folgten die Menschen um mich herum einer seltenen Choreographie. Hätte ich den Ablick in Zeitlupe aufgenommen, wäre vermutlich ein großartiger Film entstanden, wie so oft, wenn es zur Abwechslung ums Ganze geht. Aber ich selbst war ja auch viel zu beschäftigt damit, zu überleben.

Noch hatte sich um mich herum nicht „jede mir bekannte Form der Realität aufgelöst“, lediglich die der Fortbewegung zu Fuß. Alexander Kluge schreibt heute im Feuilleton über Hinrich von Haaren, der eine Zerstörung des Realitätsgefühls, „dass uns umgibt wie ein Kokon“, in seinem Roman Wildnis beschreibt.

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