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29.07.

29.07.

Am 20. März 1987 erhält Bienek seine Diagnose «Bin positiv!» Der Leser wusste es schon länger. Ahnte es vielmehr, aus der Geschichte mit medizinischem Wissen, basierend auf anekdotischer Evidenz, ausgestattet, das ihm, Bienek, zu fehlen schien. Zwar liest er die Titelgeschichten, die in den Zeitschriften erscheinen, er hört auch einiges von schwulen Freunden und Bekannten über AIDS. Aber es beeindruckt ihn nur wenig, beziehungsweise momentan.

Die letzten tausend Seiten ungefähr bis zur Diagnose, er ist ja vermutlich schon sehr viel länger infiziert, geht auch andauernd zu Ärzten, aber es gab wohl selbst in Bayern keine obligatorischen Blutuntersuchungen, wurden mir doch recht lang. Bienek war ein Spießbürger, auch wenn er diese Tagebücher ausdrücklich führte, um seine «anarchistische Seite» herauszustülpen. An Paare, Passanten lässt er kein gutes Haar, es ist ihm zu feuilletonistisch, dabei könnte er mit allem daraus entsprungen sein.

Durch seine Einnahmen lebt er den Lifestyle eines Impressarios, dem Tode geweiht kauft er sich erst einmal mundgeblasene Weißweingläser und fragt in sein Tagebuch «Wie konnte ich bloß so lange aus Ikea trinken?»

Ebenfalls scheinbar schleierhaft bleibt ihm über mehr als zwanzig Jahre lang, woher seine starke Erotisiertheit wohl rühren mag, wie er sie nennt, die ihn überhaupt in seine Barebackingbinges treibt. Er ist Alkoholiker, fängt um 11 Uhr vormittags an mit Schaumweinen «um die Zunge zu kühlen» und benutzt standardmäßig Amnylnitrat — ich sage: That’s why. Chemie.

Gestern war im Feuilleton ein wunderschöner Text von Peter Handke über Hanne Lenz. Wegen Bayreuth und Salzburg ziemlich weit nach hinten gekramt. Bienek fand Hermann Lenz «langweilig». Das Ehepaar Lenz «schlecht gelaunt». Es gab sowieso kaum jemanden, der seinen hohen Ansprüchen genügen konnte, außer halt er seiner selbst. Jarman war Schwulenkitsch, Foucault kannte er gar nicht. Der Nachruf auf Barthes inspiriert ihn dazu, seinen Ekel auf «Heterojournalisten» in den Computer zu tippen, den er kurz vor seinem Ende zu benutzen beginnt («5000 Mark»).

Zu Michael Krüger, der sein Lektor war, später auch sein Verleger, schreibt er ein paar richtig miese Privatmeinungen in seine geheime Geschichte ein, die vor allem zeigen, wie unheilbar einsam er war. Seine einzigen Freunde, u.a. Wolfgang Koeppen, waren Drinking Buddies. Und so musste er dann auch sterben, im Gegensatz zu Jarman: einsam.

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