22.05.
Auf dem Weg ins Wissenschaftskolleg saß ich einem jungen Paar gegenüber, beide waren sie mit beeindruckender Perfektion auf Zerschlissenheit gestylt mit sämtlichem, was der Fanshop von Demna Gvasalia zu bieten hat. Als ich mich zu ihnen setzte, waren sie gerade dabei, ihr Werk an sich noch zu vollenden dergestalt, dass sie sich silbrige Faux-Piercings in die Gesichter klebten. Aber nicht gegenseitig, jeder für sich. Dabei hielten sie einander jeweils das gemeinschaftlich genutzte Smartphone hin als Spiegel, zu dem der Monitor der Kamerafunktion sich eignen sollte. Ein herrlicher Anblick, ein Genrebild der zwanziger Jahre, an dem ich mich nicht satt sehen konnte und das ich freilich am allerliebsten auch selbst fotografiert hätte.
Zuletzt war ich Rainald vor ein paar Jahren ebenfalls bei einer Veranstaltung der Zeitschrift für Ideengeschichte begegnet. Damals in der vergleichsweise winzigen Dependance des Verlages in der Sophienstraße und wir grüßten uns von fern. Nun saßen wir nebeneinander in dem gut gefüllten Saal. Wie ich später noch von Eike erfahren sollte, gab es für diesen Abend sogar noch einen sogenannten Überlaufraum für all diejenigen, die auf dem Mainfloor keinen Sitzplatz mehr hatten finden können.
Während der Rede von Friedrich Wilhelm Graf betrachtete ich den Freund von der Seite, wenn auch keusch. Und ganz und gar vermied ich es, einen Blick auf die Seiten des Notizbuchs in seinem Schoß gleiten zu lassen, in das er schrieb. Die Handschrift war mir die Intimsphäre, die es zu wahren galt.
Blick auf sein Profil, auch in seine Augen hingegen lösten in mir einen Prozess der Gewahrwerdung aus, der mich dann bald nach dem Ende des Podiumsgesprächs aufbrechen ließ, um dort endlich wieder alleine sein zu können mit meinen Gedanken.
Es war nämlich so: Zeit war vergangen. In mir womöglich sogar deutlich weniger als an mir. Und trotzdem.
Ein Gefühl, das anderntags nur noch verstärkt wurde, für mich völlig überraschende Weise, beim Schauen der Dokumentation von den Aufnahmearbeiten des angeblich letzten Albums der sogenannten Toten Hosen.
Ob nun tatsächlich oder nicht, spielte dabei überhaupt gar keine Rolle, aber die Darstellung des kreativen Prozesses empfand ich auf extreme Weise plastisch. Beziehungsweise akkurat. Womöglich auch aus dem Grund, da ich mit dieser Band oder Musik nichts verbinde.
Cover von Andreas Gursky dann schon einigermaßen Comic relief.