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13.01.

13.01.

Noch in der ersten Nacht in unserer Wohnung hier, ging meine Brille verloren. Da es in der Wohnung geschah, während ich schlief, ging ich von ihrem Verschwinden aus.

Dass sie innerhalb der Behausung verschwunden war und nicht etwa auf dem Weg dorthin, ließ sich von mir präzise bestimmen, da ich vor dem Einschlafen noch ferngesehen hatte (eine Folge einer koreanischen Kochshow, deren Titel ich mit „Kulinarischer Klassenkampf“ übersetzen würde), und das hätte ich ohne die Brille nicht gekonnt, da ich ohne zwar nicht schlecht sehe, bloss halt nicht sehr weit.

Den ersten Tag in Wat Song nahm ich also weitgehend mit unscharfen Bildern in mich auf. Auffällig in einem Sinne von neuartig schienen mir vor allem die vielen Filmenden auf den Strassen. Immer wieder hielt ich an, um das gedachte Band zwischen Filmendem und Gefilmter nicht zu zerfetzen. Beim Essen hinter einem Suppenwagen saß eine, die sich beim Essen ihrer Suppe selbst filmte. Ihr Telefon hatte sie auf ein eigens dafür mitgebrachtes Stativ montiert, das sie auf der anderen Seite ihres Tisches für Zwei positioniert hatte.

Am darauffolgenden Morgen verzichtete ich darauf, die kleine Wohnung noch einmal nach der Brille zu durchsuchen und ging die Sache zielstrebig an aufgrund einer Eingebung, die ich im Schlaf erhalten hatte.

Tatsächlich stak die Gesuchte zwischen dem Headboard des Bettes und einer dahinter mehr aufbewahrten als aufgestellten Wand aus hellem Rattangeflecht.

Die Preisgabe der verschwundenen Brille war das Ankunftssignal meiner Seele, die nun den durch die Fluggeschwindigkeit unbotmässig vorausbeförderten Körper ereilt hatte.

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