12.08.
Neulich, morgens in der Gropiusstadt, hatten sich unweit von uns drei Grazien auf dem Rasen niedergelassen. Eine jede von ihnen wie von Botero gemalt oder zumindest: imaginiert. Alle drei waren sie zudem noch identisch gekleidet, in schwarz schimmernde Rennfahrradfahrerinnentrikots und -shorts. Darüber ließen sie jeweils eine Art Strandblusenjacke wehen, ebenso schwarz.
Bevor sie einen Lautsprecher, der kaum länger war als ein Lippenstift, benutzten, um darüber den Sommerhit „Mitsubishi“, einen klassischen Two-Step-Shuffle von Saint Levant und Haifa Wehbe zum Klingen zu bringen, unterhielten sie sich über eine Snackspezialität. Und das auf eine derart animierende Weise, dass ich kaum noch an etwas anderes mehr denken konnte in den folgenden Stunden.
Die Rede war von einer Banitza, jener bulgarischen Frühstücksschnecke, die ich auf unserer Fahrt durch die Rhodopen erstmals kennenlernen durfte.
Seitdem, es ist bald sieben Jahre her, verzehrte ich mich nach einem Wiedersehen (vor allem -munden) mit dieser robusten Köstlichkeit. Doch hatte sich, gerade als die Grazien auf die Bezugsquelle ihrer Banitza zu sprechen kamen, eine lärmende Familie auf dem Durchmarsch zur Doppelrutsche zwischen uns geschoben als fortbewegter Paravent dergestalt, dass ausgerechnet diese kritische Information nur halb erhalten an mein Ohr herangetragen wurde. Ob nun bei Lidl oder bei Aldi blieb sozusagen offen.
Dennoch faszinierend. Auch wegen Bansko. Mir war das bunte fenster dort wieder eingefallen, knapp über dem Boden. In dem wundersamen Hotel am Fuße der Berge.
Es ist dieses Belauschen und sich den anderen aussetzen, um sich gleich daraufhin wieder zu entziehen, von dem Hermann Lenz schreibt, dass es den Schreibvorgang kennzeichnet. Ohne das eine und das andere wird das von ihm sogenannte Absondern der Schriftform nicht möglich. Unwillkürlich fällt mir dazu die Passivität einer Muschel ein, die sämtliches durch sich hindurch wehen oder spülen lassen muss. Und ob es am Ende eine Perle ergeben wird, scheint auch kaum beeinflussbar…
Die Gefahr, diese Grazien zu vergöttern, liegt nah.