Zum Inhalt springen

09.08.

09.08..

Unerwartetes Wiedersehen mit Professor Bienek im Herbstlicht. Dass er sich dort unter einem der vielen Pseudonyme verbergen könnte, hatte mir damals, bei der Erstlektüre, natürlich nicht auffallen können (die Bienek-Tegebücher sind ja erst 2024 erschienen).

In deren Lichte ist aber das Ereignis, das Hermann Lenz berichtet, schon recht ungeheuerlich und fügt dem Charakter Horst Bieneks nur eine weitere Komplifizierung hinzu. Vermutlich hätte es ihm auch geschmeichelt, bloß hat er die Veröffentlichung von Herbstlicht durch seinen frühen Tod wiederum verpasst.

Kurz nach seinem Umzug von Stuttgart nach München also erhält Lenz im Herbst 1978 den Büchner Preis. Noch vor der Preisverleihung und kurz nach der Bekanntgabe erhält das Ehepaar an seinem Privatanschluss spät am Abend einen anonymen Anruf. Der Anrufer verhöhnt den Ausgezeichneten mit verstellter Stimme und einem aufgesetzten bayerischen Dialekt. Doch Frau Lenz identifiziert ihn aller Maskerade zum Trotz als Horst Bienek.

Die Verachtung Bieneks für Hermann Lenz war mir schon bei Lektüre seiner Tagebücher aufgefallen. Der Zuzügling gerät ihm vors Visier, weil er nach seinem Umzug, womöglich auf Vermittlung von Hubert Burda, zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste ernannt wurde. Bienek erträgt ihn kaum. Der Neid vergiftet ihm auch die Anwesenheit des Ehepaares an sich, denen er in der Münchner Kulturgesellschaft nun andauernd begegnen wird. Wie gewöhnlich entlädt er seine Aggressionen ins Tagebuch. Im Eintrag vom 07. 01. 1985 hält er fest „Wenn nur z.B. das Ehepaar Lenz (o Gott; ja, es gibt zwei, aber wenn ich nur darüber nachdenke, so sind beide Paare gleich leichenhaft!) auf einer Party auftaucht: da verbreitet sich doch arktische Kälte ringsum.“

Kurz vor seinem eigenen Tod, im Eintrag vom 28. 02. 1988 ist es ihm noch wichtig an die Nachwelt durchzugeben „Hermann Lenz 75. Er wird in allen Zeitungen gefeiert. Mich hat er immer gelangweilt. Bis jetzt! Ich glaube auch nicht daran, dass er besser geworden ist (ein besserer Erzähler), nur weil Handke ihn entdeckt hat.“

Das Ehepaar Lenz kommt, das erfährt man in Herbstlicht, auf die Beerdigung von Katschmarek. Aber das kriegt der selbst freilich nicht mit.

Weiterlesen