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14.12.

14.12.

Die Träume, die David Wojnarowicz auf Tonbändern festgehalten hat, können sich unmöglich tatsächlich so ereignet haben. Ich habe in Leipzig bei Rotor eine Ausgabe davon gefunden. Hätte ich gewusst, dass der überwiegende Teil seiner mündlich niedergelegten Tagebücher aus Traumprotokollen besteht, hätte ich es wohl sein lassen (dort). Dann aber dieser letzte Absatz aus dem Band vom Juni 1989:

And in moments like this, with the sky the way it is, just mountains and the distance, I’m sitting on the curve of the earth and watch the light slowly dissipate. A few silhouetted cactuses and a bunch of bees trying to drink some water that’s sitting in a drinking fountain. A couple of them are jerks. They fell in and drowned, but I pulled a few out that were still struggling around. A few trees, just waving slowly. It’s just a real gentle moment. I’m here by myself and I don’t mind. I kind of wish it could just stay like this for maybe a few years, or I just never moved out of this spot. I could just watch the light stay like this. And maybe somebody coming along and just putting their arms around me for a few minutes.

Kaum drei Jahre später war er gestorben. Auf dem Titelbild ist er in eine flauschig wirkende Decke von Jean Charles de Castelbajac gehüllt. Die Aufnahme ist Schwarzweiss, die Decke könnte hellblau gewesen sein oder rosa. Einen noch schöneren letzten Eintrag hat nur Derek Jarman hinterlassen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, blätterte ich in einem weiteren Bändchen, das ich aus Leipzig mitgebracht hatte. Und fand Trost bei einer mich tief berührenden Fotografie von Rei Naito, untitled, 2024, die ein sauberes Glas mit langen Riefen zeigt, in dem eine Nelke steht mit flamingofarbenden Blütenblättern. Daneben liegt eine golfballgroße Kugel aus weißem Marmor, die keinerlei Schatten wirft. Die Kugel stammt, das erfahre ich aus dem Text, aus Hiroshima.

Das wäre etwas, das ich gerne träumen würde.

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