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28.1.

28.1.

Seit drei Nachmittagen bin ich Gefangener Wilhelm Genazinos — zwar ist er längst tot, aber jetzt sind seine Notizbücher in Auswahl erschienen und dieses Buch fasziniert mich, hält mich in seinem Bann.

Obwohl ich in den vergangenen zwölf Jahren meine Sammlung extrem verschlankt habe, kann ich mir noch immer kein Leben ohne Bücher vorstellen. Im Gegensatz zu einem ohne Illustrierte, was ich mir dereinst auch nicht vorstellen konnte, aber die wurden tatsächlich vollwertig ersetzt — aber lesen? Der Aufsatz von Thomas Chatterton Williams im Atlantic, den ich auf dem Telefon las, wirkt auf mich reichlich überverkauft, denn bei den in seinem Titel angekündigten People Who Don’t Read Books handelt es sich bei näherem Durchlesen um zwei Personen weltweit: KanYE West und Sam Bankman-Fried. Letzterer wird zitiert mit seiner Begründung, warum er «niemals» ein Buch lesen würde: «I think, if you wrote a book, you kucked up, and it should have been a six-paragraph blog post.»

Das klingt lächerlich, aber ich habe ähnliches auch schon von Leuten hierzulande gehört, denen ich solcherlei Gedankengut zuvor nicht hätte zutrauen wollen. Man, also ich, frage mich dann, womit diese Leute sich sonst beschäftigen. Meiner Ansicht nach gibt es verschiedene Arten des Lesens, ungefähr so, wie sich Joggen, Wandern und Einkaufen gehen voneinander unterscheiden ließen — vom inneren Erlebnis her, das man dabei bekommt, aber.

Interessant finde ich allemals, dass sogenannte Think Pieces noch immer geschrieben werden und nicht ausschließlich als Hörspiel oder Videovortrag veröffentlicht. Wobei man sich als Lesender diesen Texten mit einer anderen Erwartungshaltung nähert als einem Buch von Genazino. Was vor ein paar Jahren noch ausschließlich auf die in Büchern veröffentlichten Texte aus den Vereinigten Staaten zuzutreffen schien, dass sie nach der Seite 120 rasch einen uninteressanten und teilweise auf dreiste Weise unlektorierten Eindruck machten, ist mittlerweile auch für die Mehrzahl der journalistischen Texte zur bestimmenden Form geworden: Ab dem dritten Absatz wird es beliebig, es wiederholt sich, der Sinn fadet aus wie am Ende einer dreiminütigen Hitsingle, wie Roland Barthes es wahrscheinlich beschrieben hätte.

Einschlafen darf man deshalb noch lange nicht. Ab und an allerdings funkt es gewaltig. Cory Doctorow hat in einem weit mehr als drei, nämlich ungefähr dreißig Absätze umfassenden «Blog Post» festgestellt, warum Plattformen online zwangsläufig schlecht werden. So schlecht, man kennt es, dass man die einst noch als Heimat empfundene Plattform verlässt (sich dort löscht oder wie auch immer). Das Ganze, daran muss Doctorow erinnern, es ist schon derart lange her, fing ja mit dem Verkauf von Büchern an. Amazon hatte ursprünglich nichts anderes nichts anderes im Angebot. Um die tatsächliche Breite des Warenflusses ausschöpfen zu können, wurden dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts diverse Gänsestopfmethoden ersonnen, die nach und nach auch sämtlichen Geschäftsmodelle im digitalen Raum zugrundegelegt wurden.

Und immer, wenn der User glaubt, er hätte sein «Island in the stream» gefunden, zieht der Provider ihm die kommerziellen Schrauben an. Doktor Corys Diagnose verschont letztendlich nicht den Favorit der Stunde: «Tiktok, for all that its origins are in the quasi-capitalist Chinese economy, is just another paperclip-maximizing artificial colony organism that treats human beings as inconvenient gut flora. Tiktok is only going to funnel free attention to the people it wants to entrap until they are entrapped, then it will withdraw that attention and begin to monetize it.»

Am 18. Dezember 1990 notiert Wilhelm Genazino: Ich denke ein paar haltlose Sätze, die in kein Buch der Welt passen, nicht einmal in eines von mir.

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