2026: PABLO
Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem neuen Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «Pablo». Tagebucheinträge aus den vorangegangenen Jahren 2021 bis 2025 einschließlich sind hier auf der Seite archiviert; die aus den früheren finden sich bei waahr.de
07.01.
Anderntags verriet mir Eric Ripert seinen Trick, wie er das kulinarische Gedächtnis kalibriert.
Er lässt sich ein paar Würfel eines Greyezers aus einer bestimmten Käserei bringen, deren Produkte er seit seiner Lehrzeit kennt und deren Qualität er stets stabil geblieben meint.
Der vertraute Geschmack des Käses in der vertrauten Umgebung seiner Küche wahrgenommen, stellt seine Geschmacksrezeptoren ein wie der Weißabgleich das Spektrum einer Kamera.
Nachdem er einen der Würfel paar Augenblicke lang zerkaut hat, sagt er „I’m ready“. Dann kann das Verkosten losgehen, er weiß jetzt wieder, auf was er sich bezieht.
Ich habe heute etwas ähnliches gemacht, um mich für das Lektorat zu kalibrieren. Bloß halt nicht mit Käse.
06.01.
Ich liebe die Tage vor dem Beginn einer Reise. Wenn der Kühlschrank sich leert, es darin immer heller wird und auf seinem Grund lichtet sich das Grün. Im umgekehrten Maße wie draußen vor der Tür derzeit, wo es licht und hell zugeht, aber in den Straßen sammelt sich mehr und mehr Grün. An manchen Ecken stapeln sich die ausgedienten Nadelbäume bis an die Hüfte hoch.
Früh in den Park hinter dem Kräuterweg. Die Sonne geht ziemlich genau kurz nach meiner Ankunft dort auf. In einem Wäldchen stehen Ypsilonweise die Damhirschkühe. Der Patriarch auf einer Lichtung abseits. So übernachten die. Im Dunkeln. Ohne irgendwas. Und anscheinend sogar im Stehen?
Auf einem Schild steht „Vorsicht Bienen“. Es ragt nur knapp noch aus der Schneedecke. Berührt mich seltsamerweise. Ich weiß natürlich nicht, warum.
05.12.
Abends Perfect Days. Im Kino hatte ich ihn seinerzeit verpasst. Jetzt, im Nachhinein, weiß ich gar nicht, wie ich all die Tage ohne ihn sein konnte.
Zwei Szenen gibt es, in denen ich Handkes Gegenwart direkt zu spüren bekam. Wir hatten am Nachmittag schon über ihn gesprochen. Im weiteren Verlauf eines Gesprächs über die Entführung aus Caracas. Später, beim Schauen des Films, wurde es mir dann so, als ob er aus dem hinter uns liegenden Raum des Gesprächs, in das Geschehen vor unserm Auge eingriffe.
Auf der großen Wiese, die jetzt eine weiße Fläche ist, viele Schneemänner. Mehr als die Hälfte sieht ähnlich aus. Zwischendrin, mit einem Mal, ein Fuchs.
04.01.
Minus fünf heute morgen — ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt so schneereich war in Berlin. Am Neujahrsmorgen 2009 war es, vom Cookies her kommend, erstaunlich glatt. Bemerkenswerterweise.
Als ich durch die Hecke in den Park trete, kommt mir eine Skiläuferin entgegen. Ich würde nicht so weit gehen wollen wie John Sunyer in seiner generellen Kulturkritik des Joggens, fand aber die Erinnerung daran, das Joggende noch in den frühen achtziger Jahren wegen des Zweckentfremdens von Verkehrswegen polizeilich verwarnt wurden, wichtig. Könnte einem in Berlin auch heute noch passieren btw.
In der Nähe des Grenzweges, präzise auf der weltbekannten Straße 52b, lässt ein Paar seinen Motor ungestüm aufbrummen direkt hinter mir, weil ich es vorziehe, auf der Mitte der Fahrbahn zu gehen — dort knirscht der Schnee am schönsten für mein Gefühl.
Später, an der kleinen Kreuzung sehen wir uns wieder. Das Gefährt hängt nun in der Kurve auf dem Eisbelag fest. Mit seinen durchdrehenden Rädern ist es zu einem veritablen Käfer geworden, der auf seinem gewaltigen Panzer liegt und mit seinen nutzlos gewordenen Beinchen strampelt. Die Beifahrerin, die mir eben noch eine Geste gemacht hatte durch die Scheibe schaut stur vor sich hin.
Es bezaubert mich, wie die mir vetraute Umgebung sich verändert zeigt, allein durch eine weiße Schicht. Amor vacui.
Sogar die Scheune des Discounters wirkt jetzt erhaben mit ihrem funkelnden Vorplatz. Gleich daneben lebt Pablo, den ich seit dem letzten warmen Tag nicht mehr gesehen habe. Aber weder in seinem Garten, noch an seinem Platz auf der Fensterbank finde ich Spuren. Auch in dem kleinen Hinterhof gibt es ein Palimpsest von Reifen-, Fusssohlen, Amsel- und Nebelkrähenkrallen; sogar Hundepfotenabdrücke kann ich dort entziffern. Aber halt keinen von Pablo. Nicht einmal einen, den Schnee tastenden Schritt.
03.01.
Das Neujahr erlebte ich auf beinahe traumhafte Weise, die mir dadurch freilich auch im Gedächtnis bleiben wird: Man hatte sich gerade erst vor der Restauranttüre versammelt, um das Feuerwerk zu betrachten, da schwärmte aus dem Rohr eines Mannes, der unweit von uns seine Stellung aufgebaut hatte, eine rot glühende Kugel in den von Schwaden schon dunstig gewordenen Nachthimmel ab. Auf diese Weise waren zuvor schon Glühkugeln in Grün und Gold aus diesem Rohr gestiegen, doch die Rote hatte er, womöglich aus einer kurzfristigen Unachtsamkeit heraus, in einem latent flacheren Winkel sich abfeuern lassen. Wie gelähmt, tatsächlich fühle ich mich in manchen meiner Träumen so, verfolgte ich das Rot der Kugel auf seiner Bahn bis unter die Arkade eines Balkons in dem dunklen Haus uns gegenüber.
Bald fing ein Flackern an, die Dunkelheit des Gewölbes zu erleuchten. Aus einem mit viel Glas modernisierten Dachgeschoss im Nebenhaus trat nun ein Mann, sein Telefon in der Hand, um das Anheben des Großbrandes, der wohl auch ihn verschlingen würde, zu filmen. Da hatten die Kellner schon die Feuerwehr alarmiert. Und wie in der ungewissen Zeit nach dem Einschlag eines gegabelten Blitzes bis zum ersten Donner zählte ich die Sekunden. In zweistelligen Zahlen, wie es mur beigebracht worden war.
Sie waren wohl nicht weit entfernt stationiert gewesen. Als der Leiterwagen in die Straße drang, trotz allen Blitzen und Donnerns, des Sprühens ringsum: glänzend, spiegelnd wie poliert, triumphal, war die Balkonöffnung schon zum Ofen geworden — mit herausschlagenden Flammen und schwarzem Rauch. Ich tippte auf eine Rattansitzgruppe und langjähriges Wochenzeitungsabonnement.
Seitdem ich mich zum letzten Mal mit dem Feuerwehrswesen beschäftigt hatte, mussten sie das Design der Helme überarbeitet haben. Auch das Gestänge der Leiter schob sich butterweich auseinander. Der im Leiterkorb in die explosiv zitternde Nacht Emporgefahrene hielt zur Steuerung spezifischer Funktionen ein in Feuerwehrsrot eingefasstes iPad in der Hand.
Zunächst ließ er sich auf Höhe des Dachterrassenbewohners fahren, der ja noch immer filmte. Die Auseinandersetzung mit diesem Mann wurde bald so laut, dass man selbst vor dieser Geräuschkulisse noch beinahe jedes Wort auf der Straße unten stehend verstand — offenbar weigerte er sich standhaft, im seine verglaste Behausung zurückzukehren, um dort Türen und Fenster geschlossen zu halten, wie es hieß. Dabei gan es ja mittlerweile beträchtlichen funkenflug, so als schweißte dort jemand, beziehungsweise: als flexte dort einer Metall auf Metall.
Gut, aber nachdem dies, die gröbste Arbeit getan wurde, ging das Löschen selbst innerhalb von wenigen Augenblicken. Eben ganz genau so, auf diese mich jedes Mal irritierende Weise asynchron, wie auch in meinen Träumen die Zeit vergeht. Und das hinter geschlossenen Augenlidern.