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2024: AN DER BASSENA

Seit dem 1. Januar 2016 führe ich ein öffentliches Tagebuch, das in jedem Jahr unter einem wechselnden Titel erscheint. In diesem Jahr lautet das Motto «An der Bassena». Tagebucheinträge aus den Jahren 2021, 2022 und aus dem vergangenen 2023 sind hier auf der Seite archiviert; die aus allen vorangegangenen finden sich bei waahr.de

15.11.

Auf der Box war ein Zitat von Fitzgerald, das mich allein dadurch irritierte, dass darin vom Fall die Rede war in Sachen Herbst. Dabei hatte ich mich jetzt gerade an Autumn gewöhnt (dass das Leben an sich dann von neuem beginnt, wenn die Luft trocken zu rascheln beginnt mit den Blättern…)

Der Barrista selbst übrigens seit jenem Nachmittag nie mehr zu sehen; seitdem er mir über den silbrigen Rücken seiner fauchend in die Milch hinein dampfenden Kaffeemaschine hinweg ein «Thank you» hatte zukommen lassen. Stimmlos. Rein mimisch. Und von daher auch extra eindringlich.

Abends ging ich in der Galerie Friese vorbei. Beziehungsweise hinauf, eine Galerie auf der Beletage. Davon gibt es in Westberlin ja noch einige. Elegant, aber auch latent unangenehm, weil man nicht wie in ein gewöhnliches Ladengeschäft hinein- und auch wieder hinausgehen kann. Der Eingangsbereich samt Gegensprechanlage als Tropfsteinhöhle verkleidet. Im Ganzen aus Styroporblöcken herausgefräst. Ein schwarzer Schwan. Der Ausstellungstitel mit Filzstiften in Keilschrift auf die Wand getaggt: Neoromantik. Von Simon Strauß.

Später noch mit Olivier in einem extrem unbekannten Restaurant. Wir waren die einzigen Gäste. Nach uns kamen noch Dänen an, in Pelzmänteln. Feuchter Atem, wie im Keller. Zwetschgenluft.

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14.11.

In der Zeitung dann eine Meldung, dass Simon and Garfunkel sich wieder versöhnt haben. Deren Trennung hatte ich gar nicht mitbekommen, währte angeblich über Jahrzehnte, nachdem Art Garfunkel in einem Interview den Abwesenden Paul Simon als Narren bezeichnet hatte. Ich wiederum dachte freilich an die schwarze Box.

Abends in den Kurpfälzer Weinstuben mit Jacqueline und Kurt. Angelockt von unserer vertrauenswürdigen Begleitung wurde nun bald schon der Wirt selbst zutraulich und zahm. Den hatten wir an anderen Abend stets als kuriose fackelnde Figur aus den Kulissen erleben dürfen. Ich fühlte mich freilich an Jan-Peter Bremer erinnert und an die bukolische Szene aus Gatzas untergegangenem Roman, die einen Abend in der Bremerschen Küche beschreibt. Also auch im dort beschriebenen Verhalten ähnelt Bremer dem Wirt auf ziemlich verblüffende Weise und vice versa. Merkwürdig.

Knut spielt mit dem Gedanken, mir ein Praktikum in den Stuben zu vermitteln. An dem Abend kam es mir auch irgendwie noch erstrebenswert vor, aber heute schaut die Welt natürlich schon wieder anders aus. Und zwar ganz, also völlig!

Aus schleierhaftem Grunde war der Wirt plötzlich mit einem Beil an unserem Tisch erschienen. Dazu gab es Gans, Saumagen, Bratwürstchen, Kohl, Pfälzer Dreieinigkeit, eine Völlerei.

Interessant bei Art Garfunkels Entschuldigung an Paul Simon war, dass er sich mit der fraglichen Beschimpfung seines Collega als gefährlich darstellen wollte. Im Grunde ging es ihm um eine Imagekorrektur.

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12.11.

Als ich nach Tagen zurückkehrte in die Stadt, zeigte die schwarze Box dort noch immer die Zeilen von Simon & Garfunkel. Oder wieder?

Heute ist der Geburtstag von Roland Barthes. Es gibt zumindest eine, die mir bekannte Aufnahme, die ihn im seinem ersten Januar, 1916, mit seiner Mutter zeigt. Ob es aber genau diejenige ist, auf die er sich in der Hellen Kammer bezieht, entzieht sich; ich weiß es nicht.

Beim Betrachten dieser Fotografie, den Möbeln, Schubladen, Vorhängen, dem Nippes, der die Dyade umgibt wie eine Aureole, geht mir mit der Allmählichkeit eines aufgedrehten Gasleuchters auf, dass ich die Ästhetik der Welt zur Lebenszeit, insbesondere der Kindheit meiner Denker zu oft aus dem Blick verliere. Wie wichtig die ist.

Je weiter davon entfernt wir leben, oder wie angenähert daran «schon wieder», wirkt sich bestimmend aus auf die Möglichkeit sich in deren Gedankenwelt einzufühlen. Woher das, beispielsweise bei Barthes, mit der unbedingten Liebe der sogenannten Klassiker kommt. Womit er darauf hinauswill. Beziehungsweise wohin zurück.

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08.11.

Man gewöhnt sich allzu schnell, schneller als gedacht zumindest, an einen neuen Arbeitsplatz. Also ich. Ums umherschauen, wie es in meiner Alten Heimat heißt.

Der Platz an dem ich schreibe, demnach, jetzt dieses Café mit dem schüchternen Barrista. An der Box erscheint heute ein Zitat aus einem Song von Simon & Garfunkel, den ich nicht kenne. Der Apparat hinter der Box aber nennt das Gesangsduo als Urheber der dort angezeigten Zeilen. Ich könnte nachschauen, wer von den beiden die Texte verfasst hat, speziell diesen eventuell. Der Datenbank, aus der sich der Apparat hinter der Box bedient, scheint das egal. Paul Simon vermutlich nicht. Wer weiß?

Was soll’s?

Vor einem Jahr ungefähr habe ich doch unbotmäßig entrüstet gefühlt nach der Lektüre einer Story im Atlantic in der ich zum ersten Mal mit der Existenz einer freibeuterisch erstellten Datenbank namens The Pile vertraut gemacht worden war. Aufgehäuft oder -gestapelt aus sämtlichen digitalisierten Büchern der Welt, damit sich aus der Milch dieses kosmischen Textes die sogenannte Künstliche Intelligenz nähre.

Ein ziemlicher Skandal, fand ich damals. Finde ich im Grunde auch noch heute. Aber erstens gibt es mittlerweile wieder andere, neue. Und drittens sind meine Ansichten nicht systemrelevant.

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06.11.

Songs of a Lost World ist eingetroffen. Aber nicht einfach als schnödes Doppelalbum mit Gatefold Cover. Der Käufer des physischen Tonträgers erfährt heute auch noch Details zur Materialität des Trägermaterials und damit auch zur Werkgeschichte. In diesem Fall, im Fall von The Cure: Half-Speed-Mastering auf Bio-Vinyl. Die Geschichte des Kunststoffrecyclings ist noch jung, beinahe wirkt sie auf mich ungeschrieben, wie ein spektakulärer Text by Zoë Schlanger im Atlantic Monthly nahelegt. Ein Fall für Thomas?

Gekauft übrigens, die Scheibe, online direkt bei Universal. Aber auch physische Schallplattenläden gibt es noch (Stichwort Brick and Mortar) und zugleich gibt es sie auch wieder. Aber so habe ich mich für ein hybrides Modell des Sound-Erwerbs entschieden (zugleich traf freilich pünktlich zum weltweiten Release am 1. November der komplette Stream des Albums auf Apple Music bei mir ein; ich hätte, ökomomisch betrachtet, das physische Album gar nicht zu erwerben brauchen, da es mir online schon zugeteilt ward — wie überhaupt sämtliche Musik sämtlicher Musiker aller Zeiten in meinem Musikabonnement emthalten ist).

Was für den Erwerb von Immobilien hinsichtlich deren Anmietung auf Zeit spricht, gilt mittlerweile ebenso für den Kauf von Musik auf Tonträgern auf Vinyl oder als Datensatz: Es sind emotionale Gründe. Holz für das seelische Campfire.

Und die Literatur?

«Autumn leaves falling down/ Like Pieces falling into place», steht auf der Box im Café des schüchternen Barrista. Ein Zitat von Taylor Swift.

Morgen mehr?

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